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Verrückter Tanz ums Goldene Kalb

Egon Erwin Kisch vor 80 Jahren bei den Real Estate Brokern

Als Kisch einst das »Paradies Amerika« erkundete, begab er sich auch auf den Boden der Grundstücksspekulation. Und zwar nirgendwo anders, als auf »den gut gepflasterten, von Straßenbahnen durchfahrenen Straßen der zivilisierten Stadt Los Angeles, Cal.«. Da sah er in der Main Street vor jedem Haus eine ältere Dame oder einen elegant gekleideten Herrn, die jedem »halbwegs kreditfähig aussehenden Passanten« einen Zettel aufschwatzten mit dem kostenlosen Angebot zu einer romantischen Fahrt mit einem an der Ecke bereitstehenden Bus »zu einem guten Mittagessen und einem guten Abendbrot und zum Anhören von Vorträgen«. Vorträge worüber? Natürlich über den günstigen Kauf des künftigen Eigenheims.

Auf dem Areal der von den Real Estatern angepriesenen neuen Heimat angekommen, entdeckte Kisch dann, was die Spekulanten bereits an immenser, umsichtiger Vorarbeit geleistet hatten: Die Stadt ist angemeldet. Ein Stadtrat wurde konstituiert mit einem Mayor an der Spitze, die allesamt nach Real Estates Pfeife tanzen. Alle nötigen organisatorischen Voraussetzungen sind geschaffen, die Parzellen abgesteckt. »Es ist alles da, die Straßen sind asphaltiert und tragen Straßentafeln, Kandelaber des elektrischen Lichts erheben sich, Rinnsteine säumen das Gebiet ein – es fehlen nur die Häuser.« Das einzige Haus sei eine Farm gewesen, auf der Hühner gezüchtet werden, so Kisch. Sie diente gleichzeitig als Tract-Office, »man kriegt Auskünfte oder Grundstücke darin, und hier hält auch der besagte Autobus, auf dass seine Insassen die Mahlzeit mitsamt lobpreisendem Vortrag einnehmen können.«

Allein in Kalifornien, so recherchierte Kisch, gab es seinerzeit zweiundsechzigtausend Licended Real Estate Brokers, also behördlich zugelassene Grundstücksmakler mit zum Teil stattlichem Personal. In der City Hall und der Hall of Records, zwei Sehenswürdigkeiten von Los Angeles, würden sich Heerscharen von Real Estatern um die dort gelagerten Grundbücher drängen, berichtete er. Überall würden einem Grundstücke angepriesen, und wer in Los Angeles nicht selbst im Dienst von Real Estate Business stehe, von dem »gehören doch mindestens zwei seiner Schwestern oder zwei seiner Väter dazu«.

Das alles und natürlich viel ausführlicher und perfekter kann man erfahren in dem Text »Hilfe! Grundstücke sind verrückt geworden«. Nun, 80 Jahre später, sind sie nicht nur in Los Angeles verrückt geworden, sondern in den gesamten Vereinigten Staaten von Nordamerika. Nein, nun spielten sie verrückt mit allen, die auf ihrem Grund und Boden um das Goldene Kalb getanzt haben. Haben alle und alles durch die Lüfte gewirbelt: Jene, die zu einer »romantischen Fahrt« gekommen waren, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr zahlen können; die Real Estate Brokers, weil sie nicht mehr verkaufen und die Banken, weil sie weder Hypothekengelder noch Zinsen einkassieren können.

Ja! Hätten sie man doch rechtzeitig Kisch gelesen, möchte man sagen. Wenn sie, all die Banker und Broker und sonstigen Grundstücksspekulanten, schon nichts vom Gang der Dinge verstanden haben sollten, bei Kisch hätten sie zumindest eine Ahnung bekommen können: Mensch, solche Geschäfte gehen nicht gut auf Dauer.

Bis auf den heutigen Tag bin ich fasziniert, wie Kisch es verstanden hat, den Lesern seiner Zeit, vor allem den Armen und Minderbemittelten, ein Stückchen Welt in die Wohnung zu bringen mit seinen präzisen und detailgetreuen Schilderungen, mit der Verknüpfung von Tatsachen, Hintergründen und Zusammenhängen. Und das so unglaublich lebendig, bildhaft, unterhaltsam, wie es seine Art gewesen ist. Vierzig Texte aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen enthält das Buch. Er ist im Hafen und in Harlem, auf den Schlachthöfen von Chicago und bei einer Bank in der Wallstreet, interviewt den Generalpostmeister und besucht die Todesstätte von Abraham Lincoln, spricht mit Upton Sinclair und lässt sich von Charlie Chaplin in die Filmarbeit einweihen ...

Im April 1929 ist Kisch mit der »Homeric« wieder in Europa eingetroffen. Von Southampton ging es zunächst zu einem Zwischenstopp nach London, von dort nach Berlin und dann in die Tschechoslowakei. Seiner Freundin und Übersetzerin Jarmila Haasová schrieb er am 24. Mai nach Prag, er habe sich »in den hintersten Winkel verkrochen, in die Teufelsmühle bei Kynzperk an der Ohre!«. Im Ausflugsrestaurant »Teufelsmühle« unweit von Cheb tief im Walde und in 480 m Höhe gelegen, hat er sich für zwei Monate eingemietet. Die »Teufelsmühle« existiert noch immer, ist sehr romantisch gelegen und als Spezialität wird Bachforelle serviert.

Das neue Werk des »Rasenden Reporters«, das dort entstanden ist, war dann 1930 auf dem Buchmarkt mit dem Titel: »Egon Erwin Kisch beehrt sich darzubieten: Paradies Amerika«.

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