Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Der Aufruhr der Rotstrümpfe

Im Sommer vor 40 Jahren wurde dem westlichen Patriarchat ein Ende bereitet

  • Von Andreas Knudsen
  • Lesedauer: 3 Min.

Summer of '69 ist nicht nur ein Ohrwurm von Brian Adams, sondern auch das Startjahr für eine manchmal chaotische, immer aber suchende und linksorientierte Frauenbewegung. Die Rotstrumpfbewegung wurde geboren, als amerikanische Frauen BHs auf dem New Yorker Times Square verbrannten. Die Gruppe nannte sich Redstockings. Der Name symbolisiert Kontinuität und Abgrenzung zugleich von der traditionellen Frauenbewegung. Bluestockings ist im Englischen eine ironisch-abfällige Bezeichnung für gebildete Frauen und geht zurück auf ein britisches Frauenmagazin des 18. Jahrhunderts. Die militante Sufragettenbewegung insbesondere in den angelsächsischen Ländern, die zum Abschluss des Ersten Weltkrieges das Frauenwahlrecht erkämpft hatte, stand ideologisch Pate. Die Rotstrümpfe aber wollten anders sein und wirkliche Emanzipation durchsetzen.

Die amerikanische Inspiration wurde schnell in einigen europäischen Ländern aufgegriffen, vor allem in Holland und Dänemark. Die 68er Bewegung hatte den Boden für den Aufruhr der Frauen bereitet. Doch diese mussten ebenso einen internen Kampf führen, denn auch die Revolutionäre waren Patriarchen. »Sie negligieren die Unterdrückung der Frau und tragen mit zu ihr bei. Frauen sitzen im Publikum, aber nicht auf dem Podium, wenn Klassenkampf diskutiert wird … Wir wollen nicht länger nur Tee machen für die Helden der Revolution«, schrieb eine Rotstrumpfgruppe in der linken Zeitung »Information« im Mai 1970. Dieser Artikel war das erste Manifest einer losen Bewegung, die während ihrer gesamten Existenz keine Struktur oder offizielle Sprecher, sondern nur einige begabte Frontfiguren ohne formelles Mandat hatte. Aufsehen erregende Aktionen brachten sie in die Presse und damit in die Öffentlichkeit. Aufgeputzt als »Super-Tussies« demonstrierten z. B. einige Rotstrümpfe vor Kosmetik- und Damenkonfektionsgeschäften auf der Kopenhagener Einkaufsmeile Strøget, um ihre »Ausrüstung« anschließend demonstrativ in Abfallsäcke zu schmeißen. Ein Pressebild, das die Aktivistin Ulla Dahlerup zeigt, wie sie von zwei Polizisten aus einem Bus getragen wurde, ist zu einem Symbol der Bewegung geworden. Sie hatte sich geweigert, mehr als 80 Prozent des Fahrpreises zu bezahlen – aus Protest dagegen, dass Frauen im Durschnitt ein Fünftel weniger als die Männer verdienen: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!

In Abgrenzung von der traditionellen Frauenbewegung war die Rotstrumpfbewegung ausschließlich Frauen vorbehalten. Ein Mann mochte noch so viele Sympathien für ihre Forderungen haben, sein Geschlecht schloss ihn aus. Der Bewegung ging es nicht darum, dass Frauen in alle männlichen Sphären eindringen sollen (etwa ins Militär), sondern zielte auf Gleichberechtigung am Arbeitsplatz und in der Familie. Vieles, was heute selbstverständlich ist, geht auf ihre beharrliche Arbeit innerhalb der Gesellschaft zurück: Frauenzentren, Gleichstellungspolitiker, Lesbenrechte etc.

Die Bewegung ebbte in den 80er langsam ab, als ihre Aktivistinnen ihren langen Marsch durch die Institutionen begannen. Karen Jespersen wurde vor zwei Jahren, nunmehr Sozial- und Gleichstellungsministerin, recht deutlich an ihre Vergangenheit erinnert: Eine Frauengruppe der Rot-Grünen Einheitsliste hängte eine Schnur roter Strümpfe um ihr Ministerium auf. Jespersen ist ein Beispiel, welchen Weg ein Rotstrumpf auch einschlagen konnte: Zunächst Frontfigur der Linkssozialisten wurde sie später sozialdemokratische Sozialministerin, um dann den gleichen Posten in einer konservativ-liberalen Regierung zu bekleiden. Andere Aktivistinnen setzen ihren Kampf unverändert im linken Spektrum fort, denn ein echter Rotstrumpf ändert vielleicht die Haarfarbe im Laufe des Lebens, nicht aber die Position.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln