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König Idris kam nie mehr zurück

Vor 40 Jahren: Sturz der libyschen Monarchie

Der libysche Staatschef Gaddafi hat die Feierlichkeiten zu seinem Amtsjubiläum in der Nacht zu Dienstag mit einem Aufruf für Frieden und Stabilität in Afrika eingeläutet. Er nutzte dafür seine Autorität als mit Abstand dienstältester Staatschef Afrikas. Diese Regentschaft begann vor 40 Jahren.

Am 1. September 1969 entmachtete ein sogenannter Bund Freier Offiziere König Idris al-Senussi, der sich gerade in der Türkei befand. Idris sollte nie zurückkehren und lebte bis zu seinem Tode 1983 im ägyptischen Exil. Mit dem unblutigen Putsch riss ein Revolutionsrat die Macht an sich, an dessen Spitze kurz darauf der erst 27-jährige Muammar al-Gaddafi gelangte, der vom Hauptmann zum Oberst befördert wurde.

Die in den zurückliegenden vier Jahrzehnten erzielten Fortschritte sind unverkennbar. Kaum ein Staat auf dem Kontinent verfügt über ein ähnliches Sozialsystem wie Libyen. Kostenlose Bildung und Gesundheitsfürsorge – davon können Afrikaner anderswo nur träumen. Mit umgerechnet 9000 Dollar im Jahr hat das Land zudem eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Region.

Zwar ist dieser Wohlstand nicht gleichmäßig verteilt und klafft die Schere zwischen Arm und Reich neuerdings wieder stärker auseinander. Aber es ist ein Quantensprung gegenüber dem Tag der Unabhängigkeit 1951 und auch noch dem Jahr der Revolution 1969. Damals galt Libyen als einer der ärmsten Staaten. Heute ist daraus eine prosperierende Gesellschaft geworden, mit Lockwirkung auf die Bevölkerung der Nachbarländer.

Die Migration ist denn auch eines der Probleme, vor denen die Politik heute steht. Libyen ist Transitgebiet für Schwarzafrikaner, die über das Mittelmeer nach Europa wollen. Aus dieser Bevölkerung hat sich aber auch eine neue Unterschicht im eigenen Land gebildet. Über Jahre hatte Gaddafi die Grenzen offen gehalten, auch um mit Einwanderern kurzzeitige Engpässe des Arbeitsmarktes ausgleichen zu können. Die Neubürger aus dem Süden sind aber nicht bei allen willkommen, seitens der arabischen, hellhäutigeren Mehrheitsbevölkerung macht sich seit Jahren Rassismus breit.

Von der weltweiten Wirtschaftskrise ist Libyen zwar weniger betroffen als viele andere Staaten, doch interne Defizite und Probleme fallen dafür stärker ins Gewicht. Sogar der Revolutionsführer höchstpersönlich hat mehrfach die Korruption kritisiert, die sich im Verwaltungsapparat breitgemacht hat. Die Wirtschaft insgesamt leidet unter mangelnder Diversifizierung. Das Öl, das Libyen nach der Nationalisierung der Quellen reich werden ließ, macht noch immer 95 Prozent aller Ausfuhren aus. Mehr als zwei Drittel des Staatshaushaltes sind von diesen Einnahmen abhängig. Noch lagern geschätzte 40 Milliarden Barrel im Boden und bilden damit eines der größten regionalen Vorkommen auf dem ganzen Globus. Dennoch bemüht sich die Regierung in Tripolis seit einiger Zeit, diese Abhängigkeit zu verringern; bislang ohne sichtbaren Erfolg.

Wiederholt hat Gaddafi versucht, Libyen mit anderen Staaten zu vereinigen – mit Nachbarländern wie Sudan oder Ägypten, aber selbst mit Marokko. All diese Projekte scheiterten kläglich. Dennoch ist unbestreitbar, dass der Oberst aus Tripolis viel für die Einheit der Afrikaner getan hat. Die Gründung der Afrikanischen Union (AU), die derzeit in Libyen tagt, ist maßgeblich seiner Initiative zu verdanken. Gemeinsam mit Nigeria und Südafrika sorgte er dafür, dass aus dem Debattierklub Organisation für Afrikanische Einheit ein Staatenbündnis wurde, das sich tatsächlicher Zusammenarbeit verpflichtet fühlt. Die AU ist sozusagen sein persönliches Projekt. Gleichzeitig strebt Gaddafi – über Jahrzehnte ein personifiziertes Feindbild des Westens – etwa seit 2000 eine gewisse Kehrtwende gegenüber EU und USA an, auch das nicht ohne Erfolg.

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