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Großer Fuß, kleines Theater

Künstlerisch magere Wiedereröffnung des Schlosspark Theaters

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D. Hallervorden
D. Hallervorden

Die Eröffnung des Schlosspark Theaters am Mittwochabend war ein Staatsschauspiel. Leider nicht auf, sondern lediglich jenseits der Bühne. Rote Teppiche waren ausgerollt. Fotografen lauerten. Schwarze Staatskarossen fuhren vor und entluden ihren Inhalt in der früheren Pferde- und Wagenremise des Wrangelschlösschens – darunter auch Bundespräsident Horst Köhler und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

Wegen des hohen Besuchs mussten sich die Journalisten Namenskärtchen anstecken. Damit Köhler weiß, mit wem er spricht? Damit nur die beruflich Markierten in Kontakt mit dem höchsten politischen Repräsentanten der Republik gelangen? So genau wusste es niemand. Klar war nur: Das Bundespräsidialamt hatte das Theater angewiesen und das Theater parierte. Wie Staatstheater, nur in privater Hand. Oder wie vormals fürstliches Theater. Der Landesherr Klaus Wowereit erlässt dem künstlerischen Unternehmer dabei für fünf Jahre die Miete und gibt 600 000 Euro aus Lottogeldern hinzu. »Wir bekommen keine Subventionen«, sagt stolz der neue Intendant Dieter Hallervorden. Um eine solche »Nichtförderung« würde sich manch subventionierter Künstler reißen.

Staatstragend gebärdete sich auch das Premierenpublikum. Applaus donnerte, als verhüllt von Hut und Wintermantel Hallervorden als Brémont die Bühne betrat. Brémont ist einer der zwei alten Schauspielkämpen, die im Stück »Die Socken Opus 124« einen Rezitationsabend proben und dabei in so manchen auch philosophischen Streit geraten.

Der Beifall noch vor Hallervordens erstem Wort ist als Dank für dessen couragierte Tat, Steglitz einen neuen kulturellen Magneten zu bescheren, gut zu verstehen. Blechlawinen, Shoppingmeilen, ein bei Geburt schon hässliches Hochhaus – das Zentrum des Südwestbezirks benötigt dringend neue attraktive Elemente. »Didi«, aus Sachsen-Anhalt zugereister Sohn der Stadt, fasst sein Engagement prägnant in den Satz »Ein Gramm handeln wiegt schwerer als eine Tonne Gequatsche.«

Handeln allein reicht aber nicht. Auch auf dessen Qualität kommt es an. Davon war dieser Abend nicht im Übermaß gesegnet. Hallervorden, zuerst in einem Clownskostüm, das an einen abgesteppten Kaffeekannenwärmer erinnert, mäkelt an den Inszenierungsabsichten des Regie führenden Partners (Ilja Richter als Verdier) herum. Beide Figuren enthüllen, dass sie sich im Herbst, ja im Keller ihrer Karriere befinden und scheußlich einsam sind. Dies ist ein Zustand, der von feiner gewirkten Mimen durchaus auf dramatisch-existenzielle Höhen befördert werden kann. Glaubt man den Rezensionen der französischen Uraufführung des Stückes von Daniel Colas, so ist dies im Nachbarlande auch geschehen.

Doch den bärbeißigen Medienschaffenden Hallervorden und Richter will kaum mehr als mal verkumpeltes, mal distanziertes Genörgel gelingen. Regisseurin Katharina Thalbach holt ebenfalls nicht mehr aus den beiden Recken hervor. Erst nach der Pause stellt sich für kurze Momente ein leichter und durch Schmerzen bitterer Ton ein, mit dem ein Leben gewogen und die eigenen Fehler darin erkannt werden. Dieser Ton, gehalten, moduliert, geschmeckt und ausgekostet, hätte der ersten Premiere im neuen Schlosspark Theater Gewicht verliehen. So aber bleibt nur der große Fuß in Erinnerung, der auf einem Sockel auf der Bühne thront. Diese untere Extremität eines Herkules weist auf die Schauspielriesen hin, die hier einst agierten und um deren Rückkehr das Publikum nach der Vorstellung mit großem Beifall flehte. Dieser Applaus war vor allem als Vertrauensvorschuss zu bewerten und als Zeichen unbeugsamen Willens, sich einen als schön vorgenommenen Abend nicht durch laues Spiel ramponieren zu lassen.

Mit ihren schief gesetzten Halbtönen ist die Inszenierung von »Die Socken Opus 124« ein kongenialer Köhler-Abend. Wenn der Bundespräsident ihn nicht schon erlebt hätte, müsste man ihn ihm glatt empfehlen. Bleibt zu hoffen, dass das neue Schlosspark Theater dieses ästhetisch wie intellektuell betuliche Fahrwasser in Zukunft verlässt. Ein Theater ist nicht gezwungen, den Zustand seiner Regierung zum Muster der eigenen Darstellung zu nehmen.

Wieder 7.-14. September, 20 Uhr, Schloßstrasse 48, Programm und Infos: www.schlossparktheater.de

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