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Herbstblatt im Wind

Solo für Sanije von Alexandra Czok

Das erste Bild: Sanije Torka, 65, ehemalige Schlagersängerin und zur Zeit der Dreharbeiten Insassin der Justizvollzugsanstalt Berlin-Reinickendorf, färbt sich die Augenwimpern. Ein bisschen Rouge hier, ein bisschen Rouge da, dann fängt sie an zu erzählen. Regisseurin Alexandra Czok hat diese Sequenz bewusst an den Beginn ihres Films »Solo für Sanije« gesetzt: Denn sie deutet zugleich nach innen wie nach außen – nach innen auf das Maß von Sanijes Bereitschaft, ihre Biografie vor einem großen Publikum aufzublättern; und hin zum äußeren Anlass, diesen Film überhaupt gedreht zu haben.

Dieser äußere Anlass war eine legendäre DEFA-Produktion: Konrad Wolfs »Solo Sunny« (1980), in dem es, mit Renate Krössner, eine ganz ähnlich fotografierte Schminkszene gibt. Sanije Torka galt damals als eine Art Vorbildfigur für die Film-Sunny: Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase hatte die Sängerin im Berliner Künstlerclub »Möwe« kennen gelernt, sich aus ihrem Leben erzählen und wesentliche Motive in sein Szenarium einfließen lassen. Sanije blieb damals ungenannt, sie galt der Obrigkeit nicht als »Vorbild für eine sozialistische Persönlichkeit«, und vermutlich wollte sie auch nicht so direkt mit dem Film zu tun haben, denn in ihrer Umgebung fand man es keineswegs toll, wie kritisch und ironisch »Solo Sunny« mit fiesen Conférenciers, betrunkenen Musikern und anderen wenig sympathischen Zeitgenossen der Unterhaltungsbranche umging. Sanije Torka blieb also »draußen«; nur Eingeweihte wussten Bescheid. Jetzt, fast dreißig Jahre später, fragt »Solo für Sanije«, was mit ihr, der originalen Sunny, passierte.

Doch die Schminkszene hat eben auch damit zu tun, was und wie Sanije Torka zu berichten weiß: Sie lässt zwar in ihre Vita blicken, aber manchmal schweigt sie auch oder verkürzt oder beharrt auf ihrer Deutung der Wirklichkeit, nicht anders als jeder andere, der gebeten ist, sich einer grundsätzlichen Rechenschaft zu unterziehen. In solchen Momenten wäre die Regie gefordert gewesen nachzuhaken und weitere Schichten der Erinnerung freizulegen: sensibel, ohne verletzend zu sein, aber bestimmt. Was bewog Sanije zum Beispiel, mehrere Jahre für die Staatssicherheit zu arbeiten? Was hat sie wirklich an ihre Führungsoffiziere mitgeteilt? Und warum wurde sie im Juni 1985 wieder »entpflichtet«? Gerade aus solchen Details wäre womöglich die grundsätzliche Tragik ihres Lebens gleichnishaft deutbar gewesen: Sie, die als »heimliches« Kind von »Ostarbeitern« im vorletzten Kriegsjahr von Vater und Mutter ausgesetzt wurde und in Heimen aufwuchs, sehnte sich stets nach einem Halt, einer Familie, einem Zuhause, in das sie immer wieder zurückkehren könnte – und war doch nicht dazu fähig, diese Wurzeln auch zu schlagen. Dass Sanijes Odyssee eine solche Dimension besitzt, ahnt der Zuschauer zwar, aber der Film vermag sie kaum in eine angemessene Form zu bringen.

Dafür mangelt es »Solo für Sanije« bisweilen an dramaturgischer Dichte. Solange die Kamera nahe an der Figur verweilt, Sanijes Gesicht, ihre Mimik und Gestik erfasst, bleibt es, gerade auch wegen der erzählerischen Brüche und Auslassungen, spannend: Die Episoden aus den Jugendheimen, von den gut bezahlten Show- und Filmauftritten zu DDR-Zeiten, von Alkohol- und Tablettensucht, Einsamkeit und Todeswunsch, schließlich der Bericht, wie und warum sie zur Ladendiebin wurde und in der Justizvollzugsanstalt landete, sind packend. Und ergreifend ist die Szene, in der sie leise davon spricht, dass sie mit Zwanzig ihren Sohn in fremde Hände gab: »Das ist meine größte Schuld.« Warum danach ein Bild eingeschnitten wird, das zeigt, wie eine Melone zerteilt wird, bleibt das Geheimnis der Regie. Überhaupt wirken die ausführlichen Beobachtungen aus dem Frauengefängnis, die Blicke auf tanzende Mithäftlinge, vom Kochen und Putzen hinter Gittern, zunehmend redundant.

Einmal beschreibt sich Sanije Torka als »Führernatur«, und dass es ihr Spaß bereitete, »schlimme Sachen zu machen, Regeln zu übertreten«. Dadurch habe sie das Gefühl gehabt, »dass ich lebendig bin«. Am Schluss blendet der Film auf ein Jugendfoto der Heldin mit einem Brecht-Zitat: »Ich sah ein großes Herbstblatt, das der Wind/ Die Straße lang trieb, und ich dachte: Schwierig/ Den künftigen Weg des Blattes auszurechnen.« Eine Sentenz, die nicht nur Sanije Torkas Zukunft meint, sondern auch jedes einzelne Kapitel ihrer verschlungenen Vergangenheit.

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