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Der Herrgott liebt Kerstin Kaiser

Wahlkampftagebuch: Frank-Walters Hausschuh und Nickis auf nackter Haut

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Schnappschuss aus Mechow bei Kyritz
Ein Schnappschuss aus Mechow bei Kyritz

Nein, die Frage lautet nicht: Wo drückt Frank-Walter Steinmeier der Schuh? Sie lautet: Wo steht sein Hausschuh? Aufgeworfen wurde diese Frage von der Bundestagsabgeordneten Diana Golze (LINKE). »Mit Verwunderung habe ich zur Kenntnis genommen, dass der SPD-Kanzlerkandidat und Direktkandidat im Wahlkreis Brandenburg/Havel, Frank-Walter Steinmeier, in der Geschäftsstelle des SPD-Unterbezirks Brandenburg/Havel, Krakauer Straße 3, wohnt«, verrät sie. »Jedenfalls steht diese Adresse auf dem Stimmzettel.«

Wahlkreiskonkurrentin Golze ist Mitglied einer solidarischen, mitunter auch mitfühlenden Partei, was in ihren folgenden Sätzen zum Ausdruck kommt: »Ich hoffe für meinen Mitbewerber, dass er sein Feldbett nicht tatsächlich in der Brandenburger SPD-Geschäftsstelle aufgeschlagen hat und den Wahlkampf quasi aus dem Koffer bestreiten muss. Herr Steinmeier könnte meine Befürchtungen zerstreuen, wenn er erklärt, wo er tatsächlich wohnt – in Berlin-Zehlendorf, in Saaringen oder wirklich in der SPD-Geschäftsstelle.«

Es handelt sich tatsächlich um einen komplizierten Fall, denn als Frank-Walter kürzlich in Potsdam auftrat, da behauptete er auch, »zu Hause« zu sein. Was ist dieser Steinmeier: Ein Obdachloser? Ein Mietnomade? Einer, der auf jeder Party daheim ist? Einer, der die Heimat wechselt wie andere Menschen die politischen Ansichten? Letztlich weiß man in seinem Fall ja nur, wo er zu Hause sein will: Im Kanzleramt. Dort aber sitzt eine Vormieterin und zeigt ihm ganz schön die Zähne.

Vom Zahn zum Haar. Zum blonden Haar. Bei der FDP weht eine Frau Teuteberg mit allerblondestem Haarschopf vom Riesenplakat. Das ist – von der Fläche her gesehen – tatsächlich das größte von allen. Außerdem prangt darauf noch der Name. Also: Teuteberg. Teuteberg? Kennen wir nicht. Nur Teutoburg. Die Schlacht im Teutoburger Wald ist jetzt genau 2000 Jahre her. Das waren noch Zeiten, als Arminius der Cherusker die Römer besiegte. »Mit seinen blonden Horden«, wie Heinrich Heine schrieb. Schon wieder blond. Ob es auch diesmal zum Sieg reicht?

Die Junge Union, die jugendliche Avantgarde der märkischen CDU, entdeckte derweil ein altes Thema für sich und hofft, der sozialistischen Spitzenkandidatin Kerstin Kaiser damit schwer schaden zu können. Die pubertierenden Christdemokraten lassen auf einem Flugblatt wissen, dass Frau Kaiser einmal Informantin des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen ist. Als Studentin soll sie über Kommilitoninnen berichtet haben, die das »Nicki auf nackter Haut« trugen. Die Junge Union versteigt sich zu der Andeutung, als Ministerpräsidentin würde die Politikerin Menschen an das MfS verraten.

Man soll der Jugend ja einiges nachsehen. Und natürlich ist auch die CDU-Jugend jung und unerfahren. Sonst wüsste sie zum Beispiel, dass Kerstin Kaiser wegen der Stasi-Geschichte schon einmal ein Bundestagsmandat zurückgegeben hat und dass sie schonungslos mit sich selbst umging. Dass sie zutiefst bereut und nicht nur einmal um Entschuldigung gebeten hat. Die Bürger haben das aufmerksam verfolgt und sehr wohl registriert. Kerstin Kaiser erzielte Wahlergebnisse, von denen die CDU nicht einmal zu träumen wagt. Und warum das so ist, steht schon in der Bibel. Der Herrgott liebt das verirrte, aber schließlich heimgekehrte Schaf mehr als 99 Gerechte. Und für selbst ernannte Gerechte gilt das sowieso.

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