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Schiefe Bahn

Sadie Johnes: »Außenseiter«

Dicky Carmichael lässt sich im Rolls Royce fahren – und schlägt Frau und Töchter brutal. In einer Kleinstadt nördlich von London kurz nach dem Zweiten Weltkrieg spielt der dramatische Entwicklungsroman von Sadie Jones. Der brutale Boss mit den beiden Töchtern wird zum Gegenspieler des jugendlichen Lewis Aldridge. Dessen bislang unbeschwertes Leben erlitt einen Bruch, als er mit zehn Jahren den tragischen Tod seiner Mutter mitansehen musste. Er bekam eine Stiefmutter, die den Herausforderungen nicht gewachsen war, geriet auf die schiefe Bahn, verstrickte sich in gewalttätige Auseinandersetzungen und landete, weil er die verhasste Kirche des Ortes angezündet hatte, für zwei Jahre im Gefängnis. Vorher schon war er nach London ausgerissen und hatte im Nachtclubmilieu seine ersten sexuellen Erfahrungen – da war er sechzehn.

Nach der Haftentlassung verstärken sich seine Probleme. Sein Vater – auch er schlägt seinen Sohn brutal, statt ihm zu helfen – ist überdies leitender Angestellter bei Dicky Carmichael und bekommt zu spüren, dass er für die Ausfälle seines Sohnes gesellschaftlich büßen muss. Alle Versuche von Lewis, einen neuen Anfang zu finden, scheitern am Misstrauen seiner kleinstädtischen Umgebung. Lediglich Kit, die jüngste und immer wieder schwer misshandelte Tochter von Dicky Carmichael, glaubt an ihn, ist mit noch nicht 16 Jahren in den drei Jahre älteren Lewis verliebt. Der, inzwischen von seiner unreifen Stiefmutter verführt, hat ein Auge auf Kits ältere Schwester Tamsin geworfen und erkennt erst allmählich die Kraft und radikale Menschlichkeit von Kit. Der Roman endet mit einer Bahnhofsszene: Lewis muss zur Army, und Kit wird einen Tag später in ein Schweizer Internat reisen. Sie küssen sich auf dem Bahnsteig und der Leser wird mit der Hoffnung aus der atemberaubenden Lektüre entlassen, dass es beiden besser gehen wird – vielleicht gar irgendwann gemeinsam.

Die mit ihrer Familie in London lebende Autorin hat mit ihrem ersten Roman einen überwältigenden Erfolg in ihrer Heimat gehabt. Die autoritäre, gewalttätige Atmosphäre der 1950er Jahre in England ist lange nicht so schonungslos thematisiert worden. Ein Junge wird systematisch fertiggemacht und wächst zu einem »Außenseiter« heran, der eigentlich keine Chance hat, aber urteilsfähig bleibt, mutig gegen die Brutalität seiner Umgebung vorgeht, lieben kann und es zulässt, geliebt zu werden. Der Roman ist von so großer Menschlichkeit, gerade weil er die gewalttätige »bessere« Gesellschaft mit ihren Landhäusern, ihren Luxusautos mit Chauffeuren, ihrer verlogenen Kirchgänger-Frömmigkeit so schonungslos und offenbar authentisch darstellt.

Der Autorin gelingt es mit einem spannenden Aufbau dieses Buches und in einer Sprache, die Gänsehaut ebenso erzeugen kann wie zärtliches Mitempfinden, den Leser auf die Seite des »Außenseiters« zu ziehen und über seine Leidensgenossen überall auf der Welt einmal richtig nachzudenken.

Sadie Jones: Der Außenseiter. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. Schöffling & Co. 412 S., geb., 22,90 €. Taschenbuchausgabe bei Diana (9,95 €.) Hörbuch bei Jumbo (24,95 €).

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