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  • Politik
  • Neue Gefahren fürs Klima

Die Öffnung der Nordostpassage

Ein Traum der Handelsschifffahrt wird wahr – für das Weltklima ist dies eher ein Albtraum

  • Von Wolfgang Pomrehn
  • Lesedauer: 5 Min.

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Durch das Abschmelzen des Arktis-Eises eröffnen sich für die Schifffahrt neue Handelswege. Gleichzeitig wird dadurch aber auch die Erderwärmung weiter beschleunigt.

Ein ungewöhnliches Bild bietet sich dieser Tage im äußersten Nordwesten Alaskas dem Beobachter. Tausende von Walrössern suchen die Küste bei Icy Cape, dem eisigen Kap, an der Tschuktschensee auf. Das Gewässer, Teil des arktischen Ozeans, hat seinen Namen von einem indigenen Volk, das wenige Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Beringstraße in Sibirien lebt und dem der russisch-tschuktschische Schriftsteller Juri Rytchëu in seinen Romanen und Erzählungen ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Dass sich die Walrösser hier an Land sehen lassen, kam schon hin und wieder vor, aber nie so früh, berichtet Chad Jay vom Geologischen Dienst der USA. Später im Jahr, auf ihren Herbstwanderungen Richtung Süden, wenn sich die lange Polarnacht ankündigt und das Eis wieder vorrückt, schauen sie schon mal an den Festlandküsten vorbei, aber nie in solch großer Zahl, meint der Walrossforscher.

Walrösser finden keine Eisschollen mehr

Anders als Robben können Walrösser nicht pausenlos schwimmen, sondern müssen sich zwischen ihren Streifzügen erholen, die sie mitunter bis zu 200 Meter tief nach Muscheln tauchen lassen. Wenn möglich, tun sie dies auf Eisschollen, von denen sie schnell und einfach ins Wasser zurückgleiten können. Doch Eis ist in diesen Tagen selten vor den Küsten Alaskas und Sibiriens, weshalb die massigen Tiere an Land ausweichen müssen.

Die Walrösser sind damit die Vorboten eines besorgniserregenden Trends. Dass sich das Eis in der Arktis im Sommer zurückzieht, ist nichts Neues, wohl aber, dass das sommerliche Resteis zunehmend weniger und dünner wird. Wie weit der Eisschwund inzwischen geht, demonstrierten vor wenigen Tagen zwei Frachter der Bremer Reederei Beluga Shipping, denen die Durchfahrt vom Pazifik nach Nordwestsibirien gelang. Die engste Stelle, die sie dabei zu passieren hatten, war die Wilkitzky-Straße zwischen der Insel der Oktoberrevolution und dem Festland. Für die internationale Schifffahrt war das eine Premiere: Die Nordostpassage durch die Arktis, lange Zeit lediglich ein Traum der Reeder, die Zeit und Treibstoffkosten sparen wollen, beginnt sich zu öffnen. Bisher wurde sie nur von sowjetischen Frachtern befahren, denen Eisbrecher mühsam den Weg bahnen mussten. Auch in diesem Jahr gab es eine Eskorte, die jedoch bestenfalls noch einen verirrten Eisberg aus dem Weg schubsen musste. Die zwei Bremer Frachter haben inzwischen die für die sibirische Großstadt Surgut bestimmte Fracht gelöscht und ihre Fahrt mit Kurs auf Murmansk und Rotterdam fortgesetzt.

Doch des einen Freud ist des andern Leid, wie der Volksmund sagt. Man mag es begrüßenswert finden, dass künftig der Seeweg nach Ostasien in den Sommermonaten August und September kürzer wird. Für die globale Umwelt jedoch überwiegen eindeutig die Nachteile, denn der sommerliche Eisschwund im hohen Norden ist nicht nur das Ergebnis der globalen Erwärmung, sondern kann diese auch weiter verstärken. In seinem im Februar 2007 veröffentlichten letzten Sachstandbericht schreibt der UN-Klimawissenschaftlerrat IPCC, dass im vergangenen Jahrhundert die Erwärmung der Arktis doppelt so schnell vorangeschritten ist wie im globalen Mittelwert. Die sommerliche Eisfläche habe seit Ende der 1970er Jahre um 7,4 Prozent pro Dekade abgenommen.

Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Berichts brach das sommerliche Eisminimum, das Mitte bis Ende September auftritt, aktuell erneut alle Rekorde: Um rund 20 Prozent unterbot es das bisherige Minimum. In diesem und im letzten Jahr war der Rückgang nicht ganz so ausgeprägt, aber 2008 und 2009 sind nach 2007 immer noch die Jahre mit dem bisher größten Eisverlust. Der langfristige Trend ist also ungebrochen. Inzwischen gibt es nur noch in wenigen Regionen nördlich von Kanada und Grönland dickeres, mehrjähriges Eis. Große Flächen des arktischen Meereises sind inzwischen so dünn, dass sie sich ohne Weiteres in einem besonders warmen Sommer vollständig auflösen könnten.

Der Boden gibt Methan und CO2 frei

Auf den Meeresspiegel, wie man vielleicht meinen könnte, hat dieser Eisverlust indes keinen direkten Einfluss, genauso wenig, wie ein schmelzender Eiswürfel das Cola-Glas zum überlaufen bringen kann. Aber wenn im Sommer größere Teile des Meeres unbedeckt sind, dann erwärmen sich diese und damit die ganze Arktis weiter. Dies führt zu einer folgenschweren Rückkopplung: Der Permafrostboden beginnt aufzutauen und setzt größere Mengen der klimaschädlichen Treibhausgase Methan und Kohlendioxid frei. Außerdem sind in den flachen Küstengewässern auch unter dem Meeresboden große Mengen Methan gespeichert, die dort bei hohem Wasserdruck und Kälte in sogenannten Gashydraten eingefroren bzw. unter diesen gefrorenen Schichten eingefangen sind. Erwärmt sich das Wasser, könnte manches dieser Lager destabilisiert werden – mit verheerenden Folgen für das Klima und die Ökosysteme im Polarmeer.


Zahlen & Fakten

Nördlich des Polarkreises geht im Sommer die Sonne viele Wochen lang nicht unter. Dadurch ist die Gesamtmenge der eingestrahlten Energie größer als in mittleren Breiten. Allerdings wird bisher ein großer Teil der Sonnenstrahlung durch das weiße Eis ins All reflektiert und nimmt daher auf das globale Klima keinen Einfluss.

In den vergangenen hundert Jahren jedoch ist die mittlere Temperatur nördlich des Polarkreises nahezu doppelt so schnell gestiegen wie im globalen Mittel. Als eine Folge davon nimmt die Ausdehnung des Eises ab: Nach Angaben des US-Schnee- und Eis-Datenzentrum (NSIDC) ist das Meereis in der Arktis auf die drittniedrigste Ausdehnung seit Beginn der Messungen vor 30 Jahren geschrumpft.

Die mittleren Temperaturen am Oberrand des dauerhaft gefrorenen Bodens (Permafrost) sind seit den 1980er Jahren flächendeckend gestiegen, und zwar um bis zu drei Grad Celsius. Entsprechend zieht sich die Permafrostgrenze zurück.

Dagegen wurde in den Gewässern rund um die Antarktis in den letzten Jahren eine leichte Zunahme der Eisbedeckung registriert. Diese ist aber kleiner als der Schwund im Norden und kann das Klima am anderen Ende der Erde nicht beeinflussen.

Sonardaten US-amerikanischer und britischer U-Boote lassen vermuten, dass die Dicke des Eises schon seit den 1950er Jahren abnimmt. Im vergangenen Winter war das Polarmeer größtenteils nur noch von einjährigem Eis bedeckt. In den 1970ern hatte das durchschnittliche Eisalter noch vier bis fünf Jahre betragen. Junges Eis ist dünner und kann daher im Sommer leicht ganz verschwinden.

Verantwortlich für den sommerlichen Eisverlust sind neben den Luft- und Wassertemperaturen auch die Winde, die Packeis durch die Grönlandsee in den Süden treiben, wo sie schmelzen. WP

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