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Neues Land. Neue Musik?

Konzerthaus: vier Komponisten aus Ostdeutschland im Porträt

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In diesen Wochen startet manches. Das Land feiert. Die vielen kleinen Sieger, von den großen zu schweigen, gerieren sich im Heldenbrustton, bisweilen blind vor Euphorie. Welche Freude, nun liegt der Herbst 1989 zwanzig Jahre zurück. Die »Revolution« genannten Ereignisse jener Tage erfolgten bekanntlich (oder etwa nicht?) vom Westen wie vom Osten her. Sie bescherten die Beseitigung der Mauer, die ohnehin irgendwann gefallen wäre, und noch viele andere Beseitigungen, elende und manchmal gar nicht so schlechte.

Dumm das Geschwätz derer, die sagen, nichts aus der DDR sei von Wert gewesen. Es war – der Ketzer ruft – oft sogar besser. In der Neuen Musik etwa, um nur ein Detail zu nennen. Da agierten (und agieren noch) kompositorisch hoch qualifizierte Geister. Künstler, selbstbewusst, ausdrucksversessen, gedankenstark. Sie erarbeiteten sich über Klippen hinweg einen Namen, hatten bezahlte Aufträge und wurden gespielt. Natürlich: Ihre Musik war modern und sie führte Sinn mit. Solche Komponisten erreichten damals die Leute noch mit ihren kompliziertesten Angeboten und hatten ein beträchtliches Echo. Welche Leere, welches Einerlei heute – von Ausnahmen abgesehen.

Das muss gesagt werden, um zu verstehen, wie wichtig solche Initiativen sind wie diese jetzt im Konzerthaus Berlin. Initiativen, die sich mit der Negation von Kunstleistungen, ihrem Vergessenwerden nicht abfinden. Vier Konzerte mit jeweils einem in der DDR sozialisierten Komponisten im Mittelpunkt sind geplant, verteilt über die Saison, veranstaltet vom Ensemble United Berlin, Motto: »Vom Gehorsam. Von der Verweigerung«. Lutz Glandien war der erste, der seine und geistesverwandte Arbeiten präsentierte. Später folgen Helmut Zapf, Jakob Ullmann und Nico Richter de Vroe.

Glandien, Jg. 1954, er ging bei Georg Katzer in die kompositorische Lehre, ist außerordentlich vielseitig. Elektronische Techniken beherrscht er spielend, Multimedia füllt er mit Sinn statt mit Unsinn, wie zumeist geschieht. Und so vielseitig bot sich auch sein ganz uneitles Programm dar. Eröffnet wurde es mit dem Film »Einblick«, ein vor 1989 von der Gegenseite aus gedrehter Mauer-Streifen von Gerd Conradt. Kein Film der üblichen, üblen Sorte. Zu den Bildern verhält sich eine Soloflöte (Martin Glück). »Einblick« schaut chaplinesk, im Zeitraffertempo, in den Alltag an einem Punkt der Berliner Grenze. Die Flöte parliert dazu in bisweilen meckernden, grellen, grotesken Kommentierungen. Mit »weiter so« für Streichquintett und Tonband, entstanden 1989, kam eine entwickelte Kammermusik, die vor allem in den Dialogen zwischen insistierendem Tonbandzuspiel und polyphonen Streichern überzeugte.

Stephan Winkler, Dirigent von United Berlin, war, was sich damals wohl noch nicht herumgesprochen hatte, schon in den 80er Jahren einer der Neutöner, die eine scharfe serielle Sprache zu formulieren wussten. Seine »Nine!« für Ensemble von 1988 ist eine von Punktualismen nur so sprühende spannende Arbeit. Ihr suchte Glandiens Ensemblestück »und war es noch still« ebenbürtig zu sein. Ein Wurf, der ganz unscheinbar, beinahe langweilig anhebt, und sich zu einer stolzen, die Register der Arbeit mit Crescendi vehement ziehenden Komposition hinaufarbeitet.

Voller Witz die Aktionen und mimischem Züge, mit denen Friedemann Werzlau, Sohn des Komponisten Joachim Werzlau, die Schlagmusik 1 von Georg Katzer in Szene setzte. Allein Werzlaus Gesicht anzuschauen, dessen Züge sich biegen und strecken, war neben dem Nachvollzug der percussiven Fiber des rhythmisch farbigen Werkes ein Hochgenuss. Schönbergs Klavierstücke op. 19 (Akiko Yamashita) und Hanns Eislers Kammersinfonie op. 69 (bei ihrer Wiedergabe unter Stephan Winkler fehlte leider der letzte Schliff) setzten die Referenz an eine Generationsfolge Lehrer – Schüler fort (Glandien war Schüler Katzers, der seinerseits war Schüler Eislers, der wiederum Schüler Schönbergs).

Zum Schluss kam die jüngste Komposition von Lutz Glandien: »Gila«, eine Art Melodram oder auch musikalisiertes Hörspiel. Gila ist seine heute demente Mutter. Sie führte einst ein Tagebuch. »Gila« zwingt O-Töne der alten Mutter mit einer jungen Gila-Stimme so zusammen, dass die die anrührende, auch lustige Wiedergabe der Erzählung dauernd hin- und zurückspringt. Eine Revue privater Gefühle, unterlegt mit einer je nach Szenerie verhaltenen, hüpfenden, pittoresken Musik. Ein interessanter, erhellender Abend.

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