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Die passive Revolution des liberalen Feminismus

Jörg Nowak zeigt, wie Klasse und Geschlecht durch politische Steuerung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung verbunden sind

  • Von Bernhard Leubolt
  • Lesedauer: 3 Min.
In seinem Buch untersucht der Politikwissenschaftler Jörg Nowak die gesellschaftliche Arbeitsteilung vor dem Hintergrund von Geschlechter- und Klassenverhältnissen. Beispielhaft zeigt er Verschiebungen in diesen Bereichen anhand der deutschen Familienpolitik.

FeministInnen scheinen in den letzten Jahren Rückenwind zu genießen. »Gender Mainstreaming« wurde mittlerweile selbst vom politischen Establishment zur offiziellen Politikform gemacht. Dennoch zeigen Arbeitszeitstudien, dass Frauen weiterhin mit dem Großteil der Haushaltsarbeit eingedeckt sind. In Verbindung mit der zunehmenden weiblichen Erwerbstätigkeit führt dies dazu, dass ihre durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit höher als die von Männern liegt. Veränderungen erfolgen in diesem Bereich äußerst träge.

Diese gesellschaftliche Arbeitsteilung ist der Gegenstand des Buchs des Berliner Politikwissenschaftlers Jörg Nowak. Er betrachtet dabei bezahlte wie unbezahlte Arbeit. In seine Untersuchungen bezieht er jedoch nicht allein die Geschlechterverhältnisse ein, sondern verknüpft diese mit den herrschenden Klassenverhältnissen.

Abschied vom alten Ernährermodell

Aufgrund zurückgehender Reallöhne durch den Ausbau des zum großen Teil weiblich geprägten Niedriglohnsektors und einen neuen Druck zur Ausübung von Lohnarbeit – etwa durch die Einführung von Hartz IV – werde das alte Modell des männlichen Familienernährers (entweder als Alleinverdiener oder mit Frau in Teilzeit) tendenziell von einem »klassenselektiven Ernährermodell« abgelöst. Heterosexuelle Partnerschaften sowie die moralische Verpflichtung zum Kinderkriegen blieben dabei weiterhin die Norm.

Noch mehr Frauen arbeiteten heute in Teilzeit. Gleichzeitig gebe es mehr Doppelverdienerpaare, das Alleinverdienermodell werde zunehmend ideologisch abgewertet.

Nowak beschreibt, wie diese und andere Verschiebungen in den Geschlechter- und Klassenverhältnissen staatlich beeinflusst werden. Dazu entwickelt er das Modell eines vom Wechselverhältnis von gesellschaftlichen Verhältnissen und politischen Institutionen geprägten Regimes, das »von staatlichen Entscheidungen, spezifischen Interventionen und Nicht-Interventionen staatlicher Akteure geprägt und homogenisiert« werde.

Beispielhaft analysiert er die deutsche Familienpolitik zwischen 2002 und 2007. Eindrucksvoll zeigt der Autor dabei auf, wie der Feminismus von staatlicher Seite »neu entdeckt« wurde, indem etwa die Forderung nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgegriffen wurde und Altfeministinnen wie Alice Schwarzer plötzlich Gehör bei Familienministerin Ursula von der Leyen fanden. Gleichzeitig wurden die ursprünglich einmal emanzipatorischen Ideen zur Durchsetzung neoliberaler Politik vereinnahmt. Treffend spricht Nowak daher auch von einer »passiven Revolution des liberalen Feminismus«.

Besserverdiener werden doppelt belohnt

Als Stichworte dieser Verschiebungen wären etwa die neue Anrechenbarkeit der Partnereinkommen bei Hartz IV zu nennen, die Frauen benachteiligt, oder auch die Änderungen beim Elterngeld. Durch die Kürzung auf ein Jahr erhielten Empfängerinnen von Arbeitslosengeld II so nur noch halb soviel Elterngeld und müssten zudem nach einem Jahr dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stehen.

Während bei den Geringverdienern also gespart wird, belohnt der Staat die ohnehin finanziell bessergestellten Doppelverdiener mit mehr Elterngeld, steuerlicher Absetzbarkeit von Kinderbetreuung oder durch die Einrichtung neuer Krippenplätze. Dies, so zeigt der Autor, kann wiederum weitere Verschiebungen nach sich ziehen, etwa weil diese Art des Doppelverdienermodells oft mit der Anstellung schlecht bezahlter Reinigungskräfte einhergehe.

Als theoretische Werkzeuge dienen Jörg Nowak bei seinen Untersuchungen sowohl von Marx beeinflusste Staatstheorien wie auch feministische Ansätze, etwa die Debatte um den Wohlfahrtsstaat. Mit seinem Buch leistet er einen bemerkenswerten Beitrag zur Theoretisierung aktueller Problemfelder linker feministischer Politik, der sowohl für SozialwissenschafterInnen als auch für politische AktivistInnen sehr zu empfehlen ist.

Jörg Nowak. Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2008. 29,90 Euro. ISBN: 978-3-89691-767-6

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