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Faradays Weg der Erkenntnis

RALF BÖNT, die »Entdeckung des Lichts« und die Quecksilbervergiftung

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.

W as für eine Zeit, als man einander selbst innerhalb einer Stadt regelmäßig Briefe schrieb! Heute reicht es selbst in den »gebildeten Ständen« kaum noch zur E-Mail. SMS und Handy haben die Briefkultur verdrängt. Und ausgerechnet ein eifriger Briefschreiber gehört zu den Hauptschuldigen dieser Entwicklung: Michael Faraday. Denn der englische Naturforscher machte eine Wissenschaft aus der zuvor eher zirkusmäßigen Beschäftigung mit Elektrizität und Magnetismus. Eine Wissenschaft, die freilich nicht nur zu Telefon und Radio, sondern auch zum elektrischen Stuhl und ferngesteuerten Atomraketen führte. Stoff genug für umfangreiche historische oder philosophische Abhandlungen. Doch keine Bange, das Buch von Ralf Bönt über Faraday nennt sich mit gutem Grund Roman. Auch wenn 90 Prozent der Briefstellen und Begebenheiten authentisch sind, wie der Autor bei der Buchpremiere in Berlin kundtat, ist keine bloße Biografie herausgekommen.

Das fängt schon mit der sehr speziellen Sicht des Buches auf seinen Helden an. Dieser wird schon im Prolog auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Karriere als kranker Mann gezeichnet, krank durch Quecksilber, das er im Laufe der Jahre bei Experimenten eingeatmet hatte. Bönt – selbst studierter Physiker – schildert den Erkenntnisweg Faradays über weite Strecken als Kampf gegen eine Krankheit, die ihn zunehmend seiner Erinnerung und seines Arbeitsvermögens beraubt.

Die Qualen der Suche nach Worten beim Schreiben und die Schwierigkeit, fremde Briefe zu lesen und zu beantworten, werden überaus lebendig. Womöglich spiegelt sich darin die eigene Erfahrung Bönts mit einer chronischen Quecksilbervergiftung. Dies und die Beschreibung der Reise des jungen Faraday mit dem damals berühmten Chemiker Sir Humphry Davy und seiner Frau durch Europa gehören für mich zu den stärksten Abschnitten des Romans. Bei der Reise gelingt es Bönt, die Dünkelhaftigkeit der Oberschicht zu skizzieren: Davys Frau behandelt den Sohn eines Schmiedes nicht etwa als gleichwertigen Kollegen ihres Mannes, sondern als bloßen Diener, der weder in der Kutsche noch am gleichen Esstisch geduldet wird. Zugleich dient die Reisebeschreibung dazu, in sparsamen Randbemerkungen ein Panorama der welthistorischen Vorgänge am Ende der Napoleon-Herrschaft zu entwerfen.

Für all das konnte Bönt kaum auf Quellen bei Faraday zurückgreifen, hier zeigt sich der Vorzug der Fiktion. Nicht immer allerdings geht das gut. Etwa, wenn Bönt Faradays Desinteresse an Politik, seine Ablehnung jeglicher gewaltsamer Umwälzung illustriert, indem er ihn bei der Inspektionsreise zu Steinkohlebergwerken mit dem Oxford-Professor William Nassau und Friedrich Engels zusammentreffen lässt. Bei dem Streit, dessen Zeuge Faraday wird, legt Bönt Engels die abwegige These von der exakten Berechenbarkeit der Revolutionen in den Mund.

Der Physiker im Autor kommt vor allem dann zum Vorschein, wenn er mit unverhohlener Bewunderung über die Experimente Faradays schreibt, über dessen Fähigkeit, scheinbare Nebensächlichkeiten als das eigentliche Ergebnis zu erkennen. Das liest sich freilich nicht immer so locker wie der fälschlich als Vorbild gesehene Roman »Die Vermessung der Welt« von Daniel Kehlmann. Trotzdem ist gerade der durch und durch philosophische Hintersinn am Ende des Romans bemerkenswert, da Albert Einstein in dem Moment, wo er zur Erkenntnis kommt, dass wir gerade erst die Hälfte verstanden haben, dem Herrgott Entsetzen einjagt.

Ralf Bönt: Die Entdeckung des Lichts. Roman. Dumont. 352 S., geb., 19,95 €.

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