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Gefesselter Parteikommunismus

DIE SEW – WESTBERLINER EINHEITSSOZIALISTEN

  • Von Christoph Jünke
  • Lesedauer: 4 Min.

Zu den faszinierendsten Grotesken der Ideologieproduktion im neuen Deutschland gehört zweifelsohne die Penetranz und Vehemenz, mit der immer wieder versucht wird, den Stachel »1968« dadurch zu entsorgen, dass man SDS und antiautoritäre Revolte zum Produkt der Unterwanderung aus Moskau und Ostberlin verklärt. Seinen kuriosen vorläufigen Höhepunkt erlebte diese Ideologie im Frühjahr dieses Jahres, als bekannt wurde, dass ausgerechnet jener Westberliner Polizeihauptkommissar Kurras, der mit der gezielten Tötung des Studenten Benno Ohnesorg zur Überhitzung der Revolte wesentlich beigetragen hat, auf der Gehaltsliste des Ostberliner Ministeriums für Staatssicherheit stand. Darüber kann man diskutieren, sich auch erregen, aber als Beweis für eine angeblich durch und durch »unterwanderten Republik« taugt dies nicht.

Die Spitzen gegen die »Unterwanderungs«-Ideologen Hubertus Knabe & Co. gehören zweifelsohne zu den besonderen Reizen des neuen Buches des am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam tätigen Historikers Thomas Klein. Doch seine Fragestellung ist eigentlich eine andere. Am Beispiel der Geschichte der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW), der Westberliner Bruderpartei der SED, behandelt er die Frage, welchen strukturellen und realgeschichtlichen Problemen eine sich kommunistisch verstehende Politik im geteilten Deutschland ausgesetzt sah.

Klein zeichnet erstmals umfassend die Geschichte der Westberliner Kommunisten wissenschaftlich nach. Und er stützt sich dabei vor allem auf die ostdeutschen Archivbestände, die von den agierenden Personen 1989/90 nicht gezielt vernichtet wurden. Das ist zwar keine bequeme, aber eine offensichtlich ausreichende Aktengrundlage, um ein besonderes Kapitel der deutschen Linken zu schreiben, das die Unterwanderungsthese zwar nicht der Form und dem Willen nach, wohl aber in Bezug auf seine vermeintlichen Erfolge eindrucksvoll widerlegt.

Der Autor schildert die Randexistenz der SEW in der Berliner Innenpolitik, die besonderen politischen und statusrechtlichen Bedingungen in der Frontstadt-Enklave und die doppelte Abhängigkeit des Westberliner »Kommunismus« von den Berliner Besatzungsmächten und von Ostberlin. Er vergleicht die Repressionsmethoden im Westen wie im Osten der Stadt, verdeutlicht die Berliner Wagenburgmentalität und zeichnet die soziale und politische Verankerung der sich erst Mitte der 60er Jahre, nach dem Mauerbau, langsam aus der unmittelbaren Steuerung der SED entlassenen SEW nach.

Die ca. 7000 Mitglieder der SEW – ihre Gesamtzahl scheint über die Jahrzehnte weitgehend konstant geblieben zu sein – waren sozial verankert nicht in den Westberliner Privatbetrieben, sondern in den von Ostberlin abhängigen öffentlichen Betrieben, vor allem in den Verkehrsbetrieben.

Auch die weitgehende finanzielle Abhängigkeit der SEW von der SED wurde überwiegend über Westberliner Tarnfirmen organisiert. Und da dies politisch bekanntlich nicht reicht, wurde die Parteispitze einer besonderen, direkten Kaderanleitung und die Parteibasis einer weitgehend effektiven ideologischen Anleitung unterworfen. Heraus kam eine zentralistische, bürokratische Partei ohne jede demokratische Organisationskultur und mit einem großen Kaderapparat von ca. 80 Hauptamtlichen und etwa 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Trotz dieser den Parteialltag zutiefst prägenden mehrfachen Abhängigkeit konnte die SEW politisch wirken. Sie schaffte es immer wieder, neue Mitglieder zu gewinnen und sich politisch auch im Westen Berlins zu verankern, blieb jedoch immer abhängig von den von ihr nicht gemachten politischen Konjunkturen und kam über die »Graswurzel«-Ebene der Politik kaum hinaus. Zu der anfangs der 70er Jahre aufblühenden Westberliner Kunst- und Kulturszene bspw. hat sie einiges beigetragen, doch wenn es den von ihr erreichten Menschen politisch ernst wurde, gingen sie dorthin, wo sie ohne Gängelei und Bevormundung Einfluss auf Politik und Gesellschaft nehmen konnten, in die linksoppositionelle Alternativszene.

Gefesselt zwischen Ostberliner Anleitung, westlichem Antikommunismus und einer vor allem in Westberlin starken antiautoritären Post-68er Opposition konnte sich die SEW der 70er Jahre zwar auf niedrigem Niveau stabilisieren. Doch alle Versuche, mittels Anleihen beim Eurokommunismus und bei Gorbatschow endlich zu einer unabhängigeren linken Emanzipationsbewegung zu werden, scheiterten. Der antiautoritäre Stachel erwies sich letztlich stärker als die politische und finanzielle Abhängigkeit des Parteiapparates und die ideologische Loyalität großer Teile der Parteibasis, die – als sie 1989/90 endlich »befreit« wurden – mit dieser Freiheit nichts anzufangen wussten.

Zum Schluss, auch das belegt Thomas Klein, der in den 80er Jahren in der DDR der linken Oppositionsbewegung angehört hatte, war es vor allem die in Jahrzehnten gewachsene emotionale Bindung und die Verinnerlichung alter Losungen, die eine Erneuerung dieser Partei unmöglich machte.

Thomas Klein: SEW – Die Westberliner Einheitssozialisten. Eine ostdeutsche Partei als Stachel im Fleische der Frontstadt? Ch. Links Verlag, Berlin. 312 S., geb., 29,90 €.

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