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Die notwendige Wende

FRANZ ALT: SOZIAL UND ÖKOLOGISCH

Die gegenwärtige weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Autoren, seit Längerem in Sozialprojekten aktive Publizisten, zu der Auffassung gebracht: »Niemand hat das System der Marktwirtschaft so diskreditiert wie die bisherigen Vertreter der marktradikalen ›Markwirtschaft‹.« Franz Alt und Peter Spiegel sind überzeugt: »Das Kapitalismus-Desaster wird bald so offenbar wie das Kommunismus-Desaster vor 20 Jahren. Die sozialistische Revolution entließ ihre Kinder, und der Kapitalismus frisst seine Kunden. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer stellt sich die Systemfrage neu. 1989 wurde sie verdrängt. Jetzt hat sie uns eingeholt.« Die Autoren beantworten sogleich auch die Systemfrage: »Kein Brutal-Kapitalismus à la USA und kein Sozialismus à la Sowjetunion und DDR, sondern eine sozial und ökologisch orientierte Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsform der Zukunft.«

Überraschend neu ist ihre Antwort nicht. Detailliert beschreiben sie die Komponenten dieser neuen Wirtschaft. Sie rechnen dazu die solare Energiewende, die ökologische Verkehrswende, die biologische Landwirtschaftswende, eine ökologische Steuerreform usw. usf. Was dieses Buch von anderen seiner Art unterscheidet ist, dass sich die Autoren nicht darauf beschränkt haben, sich eine schöne bessere Welt auszudenken, sondern dass sie von einem realen, bereits erprobten und millionenfach verbreiteten Projekt ausgehen, dass für sie die »sozial-ökologische Wende von unten« verkörpert.

Es handelt sich um die von Muhamed Yunus in Bangladesh aufgebaute Initiative »Kleinkredite für Arme«. Yunus machte wahr, was undenkbar schien: Er gab Kredite an Menschen, die kaum »Sicherheiten« boten. Und er wandte sich vorrangig an Frauen (in einem muslimischen Land!), da er die Erfahrung machte, dass sie besser wirtschaften können als Männer.

Seit Mitte der 70er Jahre hat die Grameen Bank von Yunus über 130 Millionen Kredite vergeben, 94 Prozent davon Frauen. Am Anfang stand nicht viel mehr Kapital als das Einkommen des Universitätsprofessors. Da die Kleinkredite in der Regel pünktlich zurückgezahlt wurden – was wiederum kaum jemand erwartet hatte –, floriert das Unternehmen, das als Social Business gewinnorientiert arbeitet, aber den Hauptteil des Profits zur Finanzierung sozialer und ökologischer Zwecke verwendet.

Es florieren auch die meisten, mit Hilfe des Social Business gestarteten Kleinunternehmen. Von den acht Millionen Kunden konnte knapp die Hälfte aus dem Bereich absoluter Armut (weniger als ein Dollar pro Tag laut UN-Definition) herauskommen. Spätestens 2015 sollen die Kunden der Grameen Bank zu 100 Prozent oberhalb der Armutsgrenze angelangt sein.

Warum sollte man dieses erfolgreiche Verfahren nicht weltweit einsetzen? Der Aufbau eines neuen Kleinkreditsystems wie jenes, mit dem Yunus in Bangladesh begann, verlange zwei bis drei Millionen Euro Vorlaufkosten. In der Regel können die neugegründeten Kreditnetzwerke nach drei Jahren selbsttragend arbeiten. Wenn man 50 US-Dollar als Einstiegskredit für die Kunden ansetze, rechnen Alt und Spiegel vor, könnte man mit 50 Milliarden Dollar einer Milliarde Menschen lebensverändernde Kleinkredite gewähren. Erfahrungsgemäß profitieren von diesen im Durchschnitt fünf Menschen.

Anfang April dieses Jahres haben die G 20-Staatschefs in London beschlossen, Schwellen- und Entwicklungsländern mehr als eine Billlion US-Dollar zur Bewältigung der Krise zur Verfügung zu stellen. Es müsse eigentlich »nur noch«, so Alt und Spiegel, die Bindung eines angemessenen Anteils davon an die Investition in Social Business bzw. Social Joint Ventures (kapitalistisch wirtschaftende Unternehmen mit sozialen Standards) erreicht werden, um weltweit die Armut zu bekämpfen.

Dass es gegen ein derartiges Projekt Widerstände seitens des Großkapitals geben wird, dessen sind sich die beiden Autoren sehr wohl bewusst. Die Macht der großen Firmen demonstrieren sie u. a. am Beispiel der »Viererbande« der deutschen Energiewirtschaft »E.on und Konsorten«, die sich aus Profitgier jeglicher ökologischer Wende im Energiebereich vehement widersetzen und durch ihre Lobbyarbeit die Energiegesetzgebung zu ihren Gunsten beeinflussten und beeinflussen. Dagegen müsse »Widerstand von unten« organisiert werden. Im Jahr 2007 hätten immerhin schon 1,3 Millionen Bundesbürger den Stromanbieter gewechselt. 2008 seien es noch mehr gewesen, heißt es hoffnungsvoll in diesem Buch.

Wenngleich Alt und Spiegel bereits auf Massenbewegungen »von unten« zugunsten des von ihnen propagierten zukünftigen sozial-ökologischen Wirtschaftssystems verweisen können, so wird doch der Weg zu der von den beiden entworfenen Ordnung noch ein langer sein.

Franz Alt/Peter Spiegel: Gute Geschäfte. Humane Marktwirtschaft als Ausweg aus der Krise. Aufbau Verlag, Berlin. 263 S., geb., 16,95 €.

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