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Porno und Politik

120 Tage von Sodom
120 Tage von Sodom

In den kommenden Tagen steigt die sexuelle Aufladung in der Stadt. Dann präsentiert in den Messehallen am Funkturm vom 15.-18. Oktober Europas größte Erotikmesse »Venus« Videos und das neueste Sexspielzeug. Von dieser vor allem auf den heterosexuellen männlichen Konsumenten ausgerichteten Mainstream-Messe grenzen sich jedoch zwei alternative Pornofilmfestivals und eine erotische Literaturmesse politisch und ästhetisch radikal ab.

Um Lust geht es den Veranstaltern dennoch. »Wir wollen Vielfalt – in jeder Hinsicht«, erklärt Laura Meritt, Organisatorin des 1. Feministischen Pornofilmpreises in Europa. »Das bedeutet eine erweiterte Palette von sexuellen Praktiken, eine innovativere, nicht nur auf die Sexualorgane fixierte Kameraführung, Menschen aller Geschlechter und Hautfarben vor der Kamera und – produktionsästhetisch wichtig – auch Frauen hinter der Kamera.« Meritt gehört dem sogenannten »sexpositiven« Flügel des Feminismus an, der Pornofilme nicht rundweg als frauenfeindlich ablehnt, sondern dieses Genre für die weibliche Lust erobern will.

In den USA hat diese Bewegung schon länger für Furore gesorgt. Deutschland muss noch etwas nacharbeiten. Und daher präsentiert das feministische Pornofestival am 17. Oktober im Kino Hackesche Höfe vor allem Pionierarbeiten US-amerikanischer und französischer Regisseurinnen. »Wir wollen zeigen, dass es scharfe, lustige und frauenfreundliche Pornos gibt«, beschreibt Meritt das Anliegen dieses erstmals veranstalteten Festivals. Gleichzeitig möchte Meritt die kommerziellen Produzenten, die bei der Venus aus und ein gehen, auf den neuen Markt des frauenfreundlichen Pornos aufmerksam machen.

Jürgen Brüning vom alternativen Pornofilmfestival Berlin hat die Hoffnungen auf solche Synergieeffekte zwischen Kommerzkultur und Szene längst begraben. Sein im Schwulenmilieu verankertes Festival erfährt vom 22. bis 25. Oktober im Kino Movimento schon seine vierte Auflage, 128 Filme werden gezeigt. Ganz neue Subgenres wie etwa Porno-Horror und Porno-Science-Fiction tauchen im Programm auf. Weil in den letzten Jahren verstärkt Regisseurinnen in die Pornofilmszene Eintritt gefunden und dabei neue ästhetische Maßstäbe gesetzt haben, ergeben sich aber auch Überschneidungen mit dem feministischen Filmprogramm in den Hackeschen Höfen. So sind Erotic Film Noir-Künstlerin Maria Beatty sowie die Newcomerin Shine Louise Houston in beiden Festivals präsent.

Die Buchmesse Erophil findet vom 23.- 25. Oktober parallel zum Pornofilm-Festival im Studio 70 (Kottbusser Damm 70) statt. Hier soll zum einen Verlegern und Buchhändlern die Möglichkeit zum Austausch gegeben werden. Es ist aber auch ein breites Programm an Lesungen vorbereitet. Im Mittelpunkt stehen die Klassiker des Marquis de Sade. Zum Auftakt wird die Langfassung von Pasolinis Verfilmung von de Sades »Die 120 Tage von Sodom« gezeigt.

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