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Neuer Schlauch, alter Wein

In der Chemiegewerkschaft rückt Hubertus Schmoldts Ziehsohn nach

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

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In der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) kommt es zum Führungswechsel. Der Neue soll vor allem für Kontinuität sorgen.

Hubertus Schmoldt hat vorgesorgt. Der 64-Jährige gibt heute die Führung der IG Bergbau, Chemie, Energie an einen deutlich jüngeren Funktionär ab, den er selbst über viele Jahren für diesen Posten aufgebaut hat. Michael Vassiliadis, Chemielaborant aus dem rheinischen Dormagen und Sohn eines griechischen Gastarbeiters und einer deutschen Mutter, ist mit seinen 45 Jahren im Gewerkschaftsapparat ein »alter Hase«. Schon mit 22 wurde er hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär. Seine Karriere bekam einen entscheidenden Schub, als Schmoldt ihn 1997 zu seinem Büroleiter in der BCE-Bundeszentrale in Hannover machte. 2004 wurde Vassiliadis in den Hauptvorstand gewählt, wo er die Bereiche Betriebsräte, Vertrauensleute, Bildung und Jugend übernahm und sich eigenen Rückhalt in der Organisation aufbauen konnte.

Der künftige Gewerkschaftschef gilt wie nahezu alle einflussreichen IG-BCE-Funktionäre als konservativer Sozialdemokrat und steht für die Kontinuität einer strikt sozialpartnerschaftlichen Ausrichtung. Dies drückt sich auch im Leitantrag des Vorstands aus, der das »lösungs- und konsensorientierte Politikverständnis« der Gewerkschaft hervorhebt und »allen extrem rechten und extrem linken Organisationen eine entschiedene Absage« erteilt. Schon 2003, als der DGB zaghaft Proteste gegen die Agenda 2010 ansetzte, distanzierte sich Schmoldt gemeinsam mit dem damaligen Transnet-Chef Norbert Hansen davon. Schmoldt, ein enger Freund von Ex-Kanzler Gerhard Schröder, hat gute Drähte in die SPD-Führung gelegt, die Vassiliadis übernehmen kann. Verbindungsmann zur Politik war der BCE-Sekretär und Bundestagsabgeordnete Gerd Andres, von 1998 bis 2007 Parlamentarischer Staatssekretär im Arbeitsministerium.

Dass Wirtschaftskrise, zunehmende Leistungshetze sowie die Politik der Regierungen Schröder und Merkel auch IG-BCE-Mitgliedern zu schaffen machen, kommt in etlichen Anträgen an den Gewerkschaftstag zum Ausdruck. So fordern viele Untergliederungen die Abschaffung der Rente mit 67. »Die vom Gesetzgeber beschlossene Anhebung des Rentenzugangsalters auf 67 Jahre ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht begründbar«, heißt es selbst in einem Antrag des Vorstands. Dagegen fordert die Gewerkschaft nach wie vor keinen bundesweiten gesetzlichen Mindestlohn, sondern lediglich Mindestlöhne in Branchen und Sektoren ohne Tarifverträge. Aber auch im BCE-Organisationsbereich sind die Ausgliederung von Servicebereichen und Leiharbeit ein drängendes Problem. Dies untergräbt die finanzielle Basis der Gewerkschaft. So fordern die Vertrauensleute der Honeywell Bremsbelag GmbH in Glinde, »dass Leiharbeit sich wieder dahin (zurück)entwickelt, wo sie hingehört – zur befristeten Ausnahme im Betrieb und zur befristeten Ausnahme für Arbeitnehmer im Lauf eines Arbeitslebens.«

Bei etlichen Themen möchte die Antragskommission den Konflikt mit Politik und Wirtschaft eindämmen. So wird ein Antrag mit der Forderung nach Rentenerhöhung mindestens um die Inflationsrate ebenso zur Ablehnung empfohlen wie das Begehren der Ortsgruppe Dülmen, Bonuszahlungen an Vorstände von der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens abhängig zu machen. Abschmettern sollen die 350 Delegierten auch die Aufforderung der Bezirksdelegiertenkonferenz Freiburg, »sich für eine Ausweitung des deutschen Streikrechts einzusetzen«. »Die Sozialpartnerschaft beweist ihre Vorzüge auch in schwierigen Zeiten«, argumentiert dagegen der Hauptvorstand. Die letzte offizielle Streikbewegung in der westdeutschen Chemieindustrie fand Anfang der 1970er Jahre statt.


Zahlen & Fakten

Die IG BCE ist 1997 aus einer Fusion der IG Bergbau und Energie, IG Chemie, Papier, Keramik und Gewerkschaft Leder entstanden. Sie gilt derzeit als drittgrößte DGB-Mitgliedsorganisation und beansprucht für ihre industriellen Kernbereiche einen Organisationsgrad von knapp 50 Prozent. Allerdings macht sich der massive strukturelle und krisenbedingte Kahlschlag in Industrie und Steinkohlebergbau auch in der Mitgliederzahl bemerkbar – seit 1997 ist sie von gut einer Million auf unter 700 000 gesunken. hgö

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