Wenn der Herr Vater Liebe mit dem Schlagstock predigt

Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte von Michael Haneke

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Gewalt zeitigt Gewalt, und wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten. Dass diese grundlegende Einsicht nicht nur für Kriege gilt, sondern Mord, Totschlag und Terrorismus auch überall dort auftreten werden, wo Repression und Unterdrückung herrschen, ist die zentrale These von Michael Hanekes knapp zweieinhalbstündigem Cannes-Gewinner »Das weiße Band«.

Der Untertitel des Films präzisiert die Parameter der Versuchsanordnung: Eine »deutsche Kindergeschichte« wird hier erzählt, und weil auch reichlich deutsche Gelder in dieser pan-europäischen Koproduktion stecken, ist sie von deutscher Seite für den Ausland-Oscar 2010 eingereicht – sehr zur Empörung der österreichischen Filmwirtschaft, die Haneke trotz seiner vielen französischen Werke sowie des gelegentlichen englischsprachigen Films als einen der ihren reklamiert. »Das weiße Band« ist Hanekes erster historischer Kostümfilm und sein erster Schwarz-Weiß-Film fürs Kino, auch wenn das eigene, schon länger in der Schublade schlummernde Originaldrehbuch wohl mal für einen Fernsehmehrteiler konzipiert war.

Die Handlung setzt ein im Frühling des Jahres 1913 und endet mit einem Ausblick auf den beginnenden Ersten Weltkrieg. Ein Erzähler berichtet in gesetzten, altväterischen Worten (und mit der wunderbaren Stimme von Ernst Jacobi) von den verstörenden Begebenheiten, die die Gemeinde eines nord(ost)deutschen Dorfes verschrecken. Da kommt der Doktor beim Ausritt zu Fall, weil jemand ein Seil vor seine Einfahrt gespannt hat. Eine Bäuerin verunglückt. Ein Kind wird brutal misshandelt, dann noch ein zweites. Ein Akt von Vandalismus im Gemüsegarten des Gutshauses kann nur als Akt der Rebellion gelesen werden. Gendarmen in Zivil rücken an, ein Mann hängt sich auf, ein anderer verstößt die Geliebte und nähert sich stattdessen seiner Tochter. Ein Sohn wirkt verstockt, eine Tochter wie von finsteren Mächten ferngesteuert. Und über allem herrscht die Autorität des Feudalherrn im Gutshaus, die Autorität des Mannes über die Frau, des Vaters über die Kinder.

Es ist eine Zeit, in der Räume dunkel bleiben, wenn man nicht ein Licht hineinträgt, in der Musik nur stattfindet, wenn jemand sie vor Ort tatsächlich spielt, in der Eltern allmächtige Respektspersonen sind, die zumindest in »besseren« Haushalten selbstverständlich gesiezt und mit »Herr Vater« und »Frau Mutter« angeredet werden. Körperliche Züchtigung ist an der Tagesordnung und gilt als gesellschaftlich unentbehrlich. So predigt der Pfarrer (schmallippig brillant: Burghart Klaußner) eine Religion der Liebe und regiert die eigene Familie mit dem Schlagstock. Der Baron (Ulrich Tukur) kommandiert seine Frau herum und nimmt bei der Ausbeutung der Belegschaft auch den gelegentlichen tödlichen Unfall billigend in Kauf, versäumt aber nicht, ihr zu Festtagen reichlich Bier auszuschenken. Die Hebamme (Susanne Lothar mit fettigen Strähnen und entschlossenem Kiefer) ist dem Doktor zu Diensten, der ihre Hingabe nicht verdient. Und die Kinder haben so viel dogmatische Wohlanständigkeit und Warnungen vor der Erbsünde aufgesogen, dass sie darüber – vielleicht – zu Monstern wurden.

Es sind die Auswüchse eines harschen, obrigkeitsgläubigen Protestantismus, die Haneke hier geißelt: die RAF-Terroristin mit Pfarrhaus-Kindheit liegt nur ein paar Jahrzehnte in der Zukunft, und die Kinder, die in seinem Film die Opfer und möglicherweise auch die rächenden Täter abgeben, gehören zu just der Generation, die zwei Dekaden später den Faschismus zum herrschenden Gesellschaftsprinzip machen sollte. Unschuld ist in diesem Umfeld etwas, das man Kindern erst nimmt, damit sie besser in die gesetzte Ordnung passen, und ihnen dann wieder anzuerziehen versucht, indem man sie züchtigt und ihnen zu Reinheit mahnende weiße Schleifen um Haar oder Gliedmaßen bindet. Der Wortlaut des Gesetzes und seine genaue Befolgung haben jederzeit Vorrang vor der wohlwollenden Auslegung seines Geistes, und auch sanfte Neuzugänge wie die Kinderfrau der Baronin (die Tübinger Schülerin Leonie Benesch, eine echte Entdeckung) bekommen das Gewicht autoritärer Entscheidungen zu spüren, für die es keine Appellationsinstanz gibt.

Historische Authentizität ist Haneke wichtig, auch wenn Kompromisse einzugehen waren. So wurde bei den backsteinernen Gutsgebäuden Vorhandenes genutzt und gegebenenfalls digital retouchiert (oder ignoriert, wie im Fall der modernen Fenster), was sich aus Kostengründen nicht auf den historisch korrekten Zustand zurückbauen ließ. Um die Dunkelheit schwach beleuchteter Räume nicht zur völligen Finsternis werden zu lassen, wurde der höheren Lichtempfindlichkeit wegen auf Farbfilm gedreht und die Farbe in der Nachbearbeitung entfernt, was dem ohnehin anti-naturalistisch distanzierenden Schwarz-Weiß Körper und Tiefe nimmt und merkwürdig ahistorisch wirkt.

Die Statisten für die Bauernrollen holte man sich aus Rumänien, um möglichst »altmodische«, sprich: wettergegerbt abgearbeitete Gesichter vor die Kamera zu bringen. Die Schauspieler stammen aus dem gesamten koproduzierenden Raum, was dazu führt, dass manche der Kinder ihre schwierigen Texte mit hörbarem Akzent sprechen. Das Ergebnis ist ein harter, zynischer, dabei nicht unschöner Film über die Verwüstungen, die ideologische Dogmatismen in der menschlichen Psyche hinterlassen, mit einer Kriminalhandlung, deren Auflösung zumindest teilweise in der Schwebe bleibt.

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