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»Mach mal DDR-Musik an«

Filmabend in der Jugendstrafanstalt Berlin über Schuld und Sühne in der ostdeutschen Republik

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»Zusammenführung« heißt es im Gefängnisjargon, wenn die Inhaftierten aus den einzelnen Häusern zu einer Veranstaltung abgeholt werden. Die Jungen geben sich am Mittwochabend in der Jugendstrafanstalt cool, sind dennoch aufgedreht und nehmen den Kultursaal in Beschlag. Die Justizangestellten stehen am Rande und gucken stumm vor sich hin, einer kaut Kaugummi, und sein Oberlippenbart schneidet Grimassen.

Die Inhaftierten sprechen fast alle Kiezdeutsch, jenen Slang, den die Migranten in die Bezirke gebracht haben. Einer von ihnen hat »Wedding 65« auf dem Hals tätowiert. Als der übliche Hip-Hop als Hintergrundmusik ertönt, ruft ein anderer dem Schließer zu: »Ey, mach mal DDR-Musik an«. Sie alle kennen die ostdeutsche Republik nur aus dem Geschichtsunterricht und wollen nach Feierabend – viele von ihnen arbeiten hinter Gittern – ein bisschen DDR-Folklore genießen. Denn heute werden Kurzfilme gezeigt, die von einer Diskussion eingerahmt werden.

»Die Filmverleihfirma Progress fragte bei uns, ob sie die Veranstaltung bei uns hinter Gittern machen könne«, erzählt Janina Deininger, Pressesprecherin der Jugendstrafanstalt, wie der Filmabend über Schuld und Bestrafung in der DDR zustande kam. Auf dem Podium sitzen neben Marianne Birthler, der Bundesbeauftragten der Stasi-Unterlagenbehörde, der Schauspieler Horst-Günter Marx und die Sängerin Lucie van Org.

Marx spielt in dem vorgeführten Kurzfilm »Klärung eines Sachverhalts« einen Stasihauptmann und hat für den Dreh die Seiten gewechselt. Er wurde nämlich einst selbst zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Marx sagt, er war ein unzufriedener Schauspieler, der sich meistens am Rande der Zensur bewegte. Als er vom Knasterlebnis berichtet – »Stahltür auf, Stahltür zu« oder »Das Verhör dauerte von nachts um zwei bis nachmittags um vier« – trifft er mit solch markigen Sätzen den Nerv der Jugendlichen im Publikum.

Auch Marianne Birthler erzählt anekdotenreich aus ihrem Leben. Sie habe die Observation gespürt, vermied Treffen in der Öffentlichkeit, schob sich Zettel zu, anstatt zu reden. Trotz des autoritären Staates und einer begrenzten Warenauswahl sei sie zwar unzufrieden, aber auch glücklich gewesen. Die Zeitzeugin Birthler verliert sich jedoch in Allgemeinplätzen und wirkt von ihrer Tätigkeit bei der Stasi-Unterlagenbehörde beeinflusst. Ihre eigenen Erlebnisse vermengen sich mit der kollektiven Wahrnehmung.

Cem, einer der Gefangenen, hört dennoch gespannt zu und sagt später, er habe von der Schikane nicht viel gewusst. Er kann sich kaum vorstellen, dass es problematisch gewesen sein soll, West-TV zu schauen; schließlich ist er mit Satellitenfernsehen aufgewachsen, da kommen die Programme aus allen Himmelsrichtungen. Lucie van Org könnte seine große Schwester sein. Sie weiß Kindheitserlebnisse aus Westberlin und vom Transit auf der Autobahn zu berichten. »Absurd war das alles«, findet sie.

Der Kurzfilm »Liebe Nina« ist aufschlussreicher: Die Kamera begleitet eine humpelnde Frau in Prenzlauer Berg, die am Rande einer Demonstration im Oktober 1989 in Mitte zusammengeschlagen wurde. Die Fotojournalistin von der Illustrierten »Freie Welt« will in ihren Beiträgen künftig nicht mehr alles bewerten müssen. Der Film über sie ist ein Vorreiter dafür. Er dokumentiert ein Schicksal inmitten des Umbruchs.

Bevor die Inhaftierten wieder in ihre Trakte gebracht werden, gibt es noch eine letzte Wortmeldung: Wie lange denn noch von Ost und West geredet werde. »Wir sind doch alle Deutsche«, bemerkt ein Insasse mit Migrationshintergrund. Sein Blick gilt der Zukunft. Dort liegt seine Freiheit.

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