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Wenn Briten »nach Europa« reisen

Was Brown anfasst, zerfällt zu Staub, Möchtegern-Nachfolger Cameron zerschlägt Porzellan

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Ich fahre nach Europa«, sagen britische Reisende, als ob ihre Heimatinsel kurz vor den Küsten Amerikas oder Afrikas läge. Auch Politiker, die sich unvorsichtig aufs Feld der Europa-Politik begeben, blamieren sich oft nach Strich und Faden.

Durch Freunde ließ Altpremier Tony Blair jetzt ausstreuen, er wolle den Job als Präsident des Europäischen Rates gar nicht – aber erst nachdem klar war, dass seine alten Spezis Merkel und Sarkozy die Kandidatur nicht unterstützen und die Vertreter kleinerer EU-Staaten ebenfalls nichts vom Irak-Krieger halten. Man hört den Fuchs, der die hoch hängenden Trauben für sauer erklärt. Kurz zuvor hatte der nicht interessierte Blair seinen Amtsnachfolger Gordon Brown noch als Helfer vor seinen Karren gespannt. Da aber fast jedes von Brown angefangene Projekt zum Scheitern verurteilt scheint, da Blair zudem unter den Sozialisten im EU-Parlament nicht nur Freunde hat (von den Labour-Anhängern zu Hause ganz zu schweigen), war die Kandidatur mausetot, bevor der Präsidentenjob überhaupt existierte. Zum Trost kann Blair weiter für ein halbes Vermögen Bücher schreiben, Vorträge halten und als Nahost-Emissär Frieden stiften – oder als Anstifter von Angriffskriegen dem Haager Tribunal Rede und Antwort stehen.

Statt seiner darf nun Außenminister David Miliband von Brüssel träumen: Laut »Sunday Times« wird er vom Fraktionschef der Sozialdemokraten im EU-Parlament, Martin Schulz, als potenzieller außenpolitischer Koordinator in höchsten Tönen gelobt. Vielleicht hilft ihm Brown am besten dadurch, dass er ihn nicht öffentlich erwähnt.

Der bisher sicher wirkende Konservativenchef David Cameron zeigt auf dem Brüsseler Parkett noch erschreckendere Blößen. Um die parteiinterne Wahl zum Oppositionsführer zu gewinnen, hatte der als Modernisierer gelobte Cameron auch den Rechten einen Köder hingeworfen: Unter ihm würden die Tory-Abgeordneten die Fraktion der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament verlassen und eine eigene Gruppierung fern aller Gedanken an weitergehende Integration bilden. Der Schritt ist mittlerweile getan: Die Konservativen sitzen in einer Fraktion mit einem lettischen Bewunderer der Waffen-SS. Fraktionsführer ist der des Antisemitismus verdächtigte Pole Michal Kaminski. Gleich und gleich gesellt sich gern? Das darf dem Gutmenschen Cameron nicht unterstellt werden. Höchstens dass er den kompromittierenden Kontakt zu Europas versprengten Rechten in seiner Bedeutung unterschätzt.

Schnurstracks trat Cameron ins nächste Fettnäpfchen. Um die Gunst des rabiaten EU-Hassers Rupert Murdoch und dessen Medienimperiums zu ergattern, versprach der Tory-Führer leichtfertig, nach gewonnener Parlamentswahl eine Volksabstimmung über den Vertrag von Lissabon abzuhalten, wohl wissend, dass die durch Murdoch aufgehetzten Wähler »No« sagen würden. Nachdem Irland und Polen den Vertrag unterschrieben hatten, blieb Cameron beim trotzigen Nein und warnte den tschechischen Präsidenten Vaclav Klaus vor einer Unterschrift. Genauso ungeschickt wie sein außenpolitischer Sprecher William Hague, der gegen die Blair-Kandidatur gestänkert hatte. Am Ende brachten beide Tories fast die gesamte EU-Riege gegen sich auf. Wenn Cameron im Mai 2010 Premier wird, dürfte er nach solchen Auftritten mehr zerschlagenes Porzellan vorfinden als selbst sein ungeschickter Vorgänger, John Major.

Fazit: Gordon Brown ist das Gegenteil des legendären Königs Midas, denn alles, was er anfasst, zerfällt zu Staub. Sein Gegenspieler Cameron sollte schleunigst Dale Carnegies Bestseller lesen: Wie man Freunde gewinnt und Menschen beeinflusst. Sonst wird sich die »Reise nach Europa« für ihn nicht lohnen.

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