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Bypass wirkt bei Frauen weniger

Gendermedizin will Forschung und Therapie für Frauen und Männer verbessern

Frauen gehen häufiger zum Arzt. Sie haben später Herzinfarkt und Schlaganfall, häufiger Depressionen und rheumatische Erkrankungen, leben länger und reagieren anders auf Arzneimittel als Männer. Das sind viele Unterschiede. Doch wie reagiert man auf sie in der Praxis?

Dass Frauenkörper anders funktionieren, schien vielen Medizinern und Pharmakologen lange Jahre nicht bewusst zu sein. Studien belegen, dass Patientinnen oft so behandelt wurden und immer noch werden, als wären sie kleine Männer. Die Gendermedizin, eine noch junge Wissenschaft, will das ändern. Ihr Ziel ist es, bislang entwickelte Ansätze der Forschung, Diagnose und Therapie zu ergänzen und Gesundheitsthemen geschlechtssensibler zu betrachten.

Galt der Herzinfarkt (auch Myokardinfarkt) bis in die achtziger Jahre als typisch männliche Erkrankung, so hat sich heute herausgestellt, dass sogar mehr Frauen daran sterben als Männer, allerdings in höherem Lebensalter. Trotzdem kommen Frauen nach Beginn der Symptome eines Herzinfarktes erst zweieinhalb Stunden später in die Klinik als Männer. In der Klinik sterben mehr Frauen an einem Myokardinfarkt. Am häufigsten treffe dies auf Frauen zwischen 45 und 60 Jahren zu, erläutert Professor Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek vom »Center for Gender in Medicine and Cardiovascular Research in Woman« an der Charité in Berlin. Genderaspekte in der Forschung und Differenzierungen der Herzinsuffizienz machen die Behandlung effektiver. Die Expertin verweist darauf, dass bisher Ärzte vorwiegend die systolische Herzinsuffizienz – damit wird eine verminderte Pumpfunktion bezeichnet – im Blick hatten, die überwiegend beim männlichen Geschlecht auftritt.

Man habe inzwischen erkannt, dass Frauen häufiger von diastolischer Herzinsuffizienz betroffen sind – das sind Dehnbarkeitsstörungen mit der Folge einer unzureichenden Füllung des Herzens mit Blut. Beide haben eine gleich hohe Mortalität. Noch immer gebe es keine Leitlinien für die Therapie der diastolischen Herzinsuffizienz, kritisiert die Ärztin. Sie meint: »In jede Studie gehören geschlechterspezifische Fragestellungen, die dann ihre Auswirkungen bis in die Praxis jeder Ärztin, jedes Arztes haben sollten. Aber gerade von Letzterem sind wir noch weit entfernt. Warum ist zum Beispiel die Sterblichkeit junger Frauen nach Einsetzen eines Bypasses fast doppelt so hoch wie die gleichaltriger Männer?« Sie untersucht das im Deutschen Herzzentrum in Berlin.

Ein anderer Aspekt der Gender-Medizin: Frauen sind die geeigneteren Organspenderinnen. Ob Herz oder Niere – ihre Organe passen sich dem fremden Organismus besser an, wie Forschungsergebnisse der kroatischen Wissenschaftlerin Prof. Duska Dragun belegen, die an der Klinik für Nephrologie und Intensivmedizin sowie am Zentrum für Kardiovaskuläre Forschung der Charité-Universitätsmedizin Berlin tätig ist. Dass Frauen seltener Spenderorgane implantiert werden, so die Wissenschaftlerin, sei ebenfalls nachweisbar und schwer zu begründen. Diese Tatsache sei generationsübergreifend und betreffe gleichermaßen junge wie ältere Frauen.

Die Psychologin Prof. Gerdi Weidner von der San Franciso State University erforscht die Rolle von Stress, Umwelt und Geschlecht. In der Langzeitstudie »Warten auf ein neues Herz« werden 318 Patienten, darunter 58 Frauen und 260 Männer, in 17 Krankenhäusern Deutschlands und Österreichs beobachtet, die auf der Warteliste für eine Herztransplantation stehen. Bisher wurde untersucht, ob emotionale Unterstützung sich auf die Überlebenschance während der Wartezeit auswirkt. Die der Männer war dabei signifikant höher.

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