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1989 – ein Dementi?

Rolf Hosfeld über die Geister, die »er« rief

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Die Sache liegt sehr einfach: Ein Verlag sieht eine plötzlich stark gestiegene Nachfrage nach Marx-Literatur, beauftragt also einen flink schreibenden Journalisten und Filmemacher, jüngst auch als Historiker aktiv, mal eben eine »essayistisch gehaltene Ideenbiografie von Marx« zu schreiben. Und da der Autor vor 30 Jahren »während meiner Studienzeit Marx’ Schriften ziemlich ausführlich gelesen« hat (er sagt nicht, in welchem Staat ihm dieses Glück widerfuhr), stand der Ausführung nichts mehr im Wege.

Mit beneidenswertem Selbstbewusstsein ignoriert Rolf Hosfeld das Vorliegen Dutzender guter und weniger guter Marx-Biografien sowie einer riesigen einschlägigen Literatur, er sagt nirgends, wie sich seine Arbeit davon unterscheidet. Zwar hat er sich Mühe gegeben, dem schwammigen Genre »Ideenbiografie« zu genügen, er hat versucht, Marx’ lebenslanges Ringen um die Hegelsche Philosophie anzudeuten, den Weg seiner ökonomischen Studien nachzuzeichnen und die wichtigsten politischen Aktivitäten, die natürlich zu neuen Überlegungen und Ideen führten, zu beschreiben und zu werten. Aber Marx’ Leben und Werk und Nachwirken ist ein viel zu großes, kompliziertes, kontrovers diskutiertes Feld, als dass es in solch einer Amateur-Attacke zu erobern wäre. Der Leser erfährt nichts von Marx’ umfassenden ökonomischen, historischen, geologischen, mathematischen und sonstigen Studien und den damit verbundenen neuen Fragestellungen, nichts vom Fortgang der historisch-kritischen Edition seiner Schriften, die ja wohl irgendwie zu einer »Ideenbiografie« gehören, nichts von den wichtigsten wissenschaftlichen und politischen Kontroversen, die seit anderthalb Jahrhunderten mit seinem Werk verbunden sind.

Im Titel heißt es allerdings nicht mehr »Ideenbiografie«, sondern »neue Biografie«. Biografie heißt Lebensbeschreibung. Aber hier wird Marx’ Leben beschrieben ohne seine Rabbiner-Vorfahren, ohne seine Eltern und Geschwister, ohne den für seine Jugendentwicklung wichtigen Schwiegervater, ohne seine Kinder und ohne eine ganze Reihe seiner wichtigsten Freunde und Genossen. Dass er eng befreundet war mit Henrich Heine, Georg Herwegh, Ferdinand Freiligrath und Georg Weerth scheint unwesentlich.

In einer Hinsicht hat Hosfeld seinen Auftrag gut verstanden: Er bedient geschickt den kapitalistischen Mainstream in puncto Marx: Sein historischer Materialismus habe »als philosophisch begründete Zielvorgabe nicht nur alle wissenschaftliche Neugier, sondern bereits deren Ergebnisse« präfiguriert, er sei ein Meister in der »Einebnung von Komplexitäten« gewesen. Wenn »es darum ging, seine philosophisch-systematische Begründung mit empirischen Details zu untermauern, konnte er mitunter in Plattitüden verfallen«, er habe unter »fast manisch anmutenden Wiederholungszwang« gelitten. »Im Grunde brauchte er, der Verkünder der wirklichen Bewegung, den Elfenbeinturm, in dem man sich nicht mit den Versuchungen des alltäglichen politischen Lebens beschmutzen mußte.« Und: »Er sah nur, was seine antinomische Weltsicht nicht infrage stellen würde.«

Wer es heutzutage unternimmt, eine Marx-Biografie zu schreiben, kommt um die Frage nicht herum, ob Marx schuld sei an den Opfern und dem Scheitern des sozialistischen Experiments des 20. Jahrhunderts. Hosfeld antwortet mit einem klaren »Ja und Nein.« Da nach Marx der Kommunismus das notwendige Ergebnis der Geschichte sei, habe man ihn auch dann, als sich seine Prognosen als unrealistisch herausstellten, mit Gewalt herstellen müssen. Wohl selbst nicht ganz überzeugt davon, dass dies wirklich ein Argument gegen Marx sei, fügt er hinzu: »Diese fatale Tendenz zeigte sich allerdings bereits in der materialistischen Eschatologie der Marx’schen Frühschriften angelegt.« 1989 sei ein »Dementi der Marx’schen Grundirrtümer« gewesen. Das ist ihm dann aber wieder zu viel, und er schränkt es ein auf »den politischen und geschichtstheologischen Marx«, während der »Theoretiker des Kapitalismus und der historischen Evolution ... erst noch unbefangen zu entdecken« sei. Mehr als je zuvor »beschäftigen uns heute die nach wie vor irritierenden Fragen von Marx, mit denen er den labilen Zustand und die selbstzerstörerischen Tendenzen unserer modernen Welt ins Auge fasst«.

Trotz aller Einschränkungen und manchen sachlichen Fehlern ist es ein gutes Buch, allein schon wegen des Satzes: »Zweifellos ist der Kapitalismus ungerecht.«

Rolf Hosfeld: Die Geister, die er rief. Eine neue Karl-Marx-Biografie. Piper Verlag, München 2009. 260 S., geb., 19,95 €.

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