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Die Selbstbedienungsmentalität der Profiboxställe ist skrupellos

ND-Interview mit Jürgen Kyas, Präsident des Deutschen Boxsport-Verbandes

Der 64-jährige pensionierte Kriminalbeamte JÜRGEN KYAS aus Lengerich in Westfalen ist seit dem Sommer neuer Präsident des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) und angetreten, den gleich in mehrfacher Hinsicht in einer tiefen Krise steckenden Verband zu retten. Darüber sprach JÜRGEN HOLZ mit ihm.

ND: Wie tief ist die Krise des DBV wirklich?
Kyas: Sie war noch vor einigen Wochen so tief und so gravierend, dass wir in finanzieller Hinsicht dicht vor der Insolvenz standen. Nun hat das neue Präsidium ein Sanierungskonzept erarbeitet, das auch vom Deutschen Olympischen Sportbund sowie von unserem Geldgeber, dem Bundesinnenministerium, akzeptiert wurde. Jetzt erhalten wir vom BMI auch wieder finanzielle Zuwendungen, so dass wir dabei sind, die Finanzkrise in den Griff zu bekommen, auch mit Unterstützung der Landesverbände.

Eine andere Krise ist sportlicher Art. Der DBV verliert immer wieder gute Amateure, weil die schon in jungen Jahren ins Profilager wechseln. Aktueller Fall: der 24-jährige Weltgewichts-Weltmeister Jack Culcay-Keth. Kann man das überhaupt stoppen?
Zunächst einmal: Wir haben gerade in jüngster Vergangenheit eine recht positive Leistungsentwicklung beim Nachwuchs zu verzeichnen. Auch bei den Weltmeisterschaften der Elite im September in Mailand gab es durch unsere junge neunköpfige Staffel viele positive Ansätze mit dem Titelgewinn von Culcay-Keth, WM-Bronze durch Ronny Beblik sowie drei fünften Plätzen. Das stimmt uns nach dem Olympiadesaster 2008 mit dem Ausscheiden aller vier Starter schon nach dem ersten Kampf zuversichtlich, mit diesem im Durchschnitt knapp 22 Jahre jungen Team die Olympischen Spiele 2012 in London anzugehen. Allerdings wird unsere Aufbauarbeit immer wieder dadurch zunichte gemacht, dass im Handumdrehen die Profiställe unsere talentierten jungen Leute abwerben. Das ist eine Selbstbedienungsmentalität, die in meinen Augen skrupellos und schamlos ist.

Sie sehen auch Culcay-Keth als ein »Opfer« dieser Profigebaren?
Ja, obwohl er nach dem WM-Titelgewinn noch versichert hatte, bis Olympia 2012 Amateur zu bleiben, wechselte er jetzt die Fronten zum Hamburger Boxstall Universum, wo er unlängst einen Profivertrag unterschrieben hat. Es ist ein typischer Fall, wie sich die Abwerbung in der Praxis vollzieht.

Inwiefern?
Weder der Verband noch sein Trainer oder Umfeld wurden durch das Profimanagement kontaktiert. Alles lief hinter unserem Rücken ab. Wir hatten als Verband gar keine Chance, noch irgendwie einzugreifen. Man geht direkt den Athleten an und lockt ihn mit finanziell lukrativen Angeboten. Wir haben den jungen Boxer aufgebaut, haben in ihn investiert – nun kommen die Profimanager und sahnen ab. Das ist aber beileibe kein deutsches Problem, man kennt das auch von russischen oder kubanischen Boxern. Umso mehr ist es zwingend erforderlich, dass international dagegen gesteuert wird.

Ist die neue World Series des Weltverbandes AIBA, die im Herbst 2010 mit jeweils vier Staffeln aus Europa, Asien und Nordamerika starten soll, eine Möglichkeit des Gegensteuerns?
Das glaube ich vorbehaltlos. Die in der World Series boxenden Amateure werden durch die AIBA gut bezahlt, so dass sie von daher ihr sportliches Traumziel Olympia als Amateur weiterverfolgen können. Diese Serie dürfte auch publikumswirksam sein durch eine längere Kampfzeit von 5 x 3 Minuten statt 3 x 3 Minuten und ohne Kopfschutz. Es ist einen Versuch wert.

Auch der DBV hat Reformen auf den Weg gebracht. Was steckt hinter der neuen 1. Bundesliga?
Wir drehen uns seit Jahren im Kreis. Unsere Spitzenboxer treffen national immer wieder auf die gleichen Leute. So verkommt das olympische Boxen, wie es jetzt genannt wird, zum Inzuchtsport. Wir wollen nun den Versuch starten, in der 1. Bundesliga neben den drei Teams Velberter BC, Hertha BSC und SV Babelsberg – bei anderen Vereinen fehlt das Geld für eine Staffel – noch drei aus Dänemark, den Niederlanden und Polen starten zulassen. Damit soll die höchste Liga sportlich reizvoller werden. Das holländische Windmühlen-Team beispielsweise ist mit Auswahlboxern besetzt und somit eine sportliche Herausforderung für alle. Ich gehe davon aus, dass der Bundesligastart mit zwei Dreier-Staffeln wie geplant Mitte Dezember erfolgt.

Es gibt im DBV auch Überlegungen, das Bundesstützpunktnetz wieder auszubauen. Eine Kehrtwende gegenüber Verbandsbeschlüssen früherer Jahre?
Dem würde ich widersprechen. Tatsache ist natürlich, dass seit der Wende im Boxen gerade im Osten viel den Bach runter gegangen ist, ob in Schwerin, Halle, Berlin oder Cottbus. Inzwischen ist erfreulicherweise an der Basis Einiges in Gang gekommen. Das führte dazu, dass der DBV Mitte dieses Jahres in Berlin wieder einen Bundesstützpunkt für den Nachwuchs etabliert hat, mit erheblicher finanzieller Unterstützung durch den Senat. An der Sportschule in Ostberlin sind 35 Jungen eingeschult. Das ist eine gute Basis. Ab Januar 2010 wird es auch in Schwerin wieder einen Bundesstützpunkt geben, der vom DBV und dem BMI finanziert wird.

Stichwort Frauenboxen. Das ist ab 2012 olympisch. Welche Konsequenzen hat das für den Verband?
Der DBV hat nach dem IOC-Beschluss im August 2009 sofort gehandelt und beim DOSB eine Bezuschussung für die Amateurfrauen eingefordert, mit positivem Echo. Gegenwärtig haben wir acht Frauen im Elitekader, einige sind eingebunden in den Sportfördergruppen der Bundeswehr oder der Bundespolizei. Es tut sich also etwas, ohne gleich euphorisch zu sein.

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