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Zeit in Schleifen

Siebzehn Silben Ewigkeit

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 3 Min.

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Bilodo ist Briefträger und siebenundzwanzig Jahre alt. Oder sollte man sagen: siebenundzwanzig Jahre jung? Wer mit siebenundzwanzig Briefträger ist, wird es vermutlich sein Leben lang bleiben. Daraus entspinnt sich die Geschichte.

Wenn Bilodo die Treppenstufen zählt, die er allmorgendlich in der Rue de Hêtres erklimmt, um die Post an den Mann zu bringen, kommt er auf eintausendvierhundertfünfundneunzig. Bei einer Stufenhöhe von zwanzig Zentimetern schleppt er sich zweihundertneunundneunzig Meter hinauf – besteigt also täglich den Eiffelturm. Warum zählt er die Treppenstufen? Will er hoch hinaus? Wäre Treppensteigen eine olympische Disziplin, er hätte eine Chance gehabt, auf jenem letzten Treppchen des Siegerpodestes zu stehen. Vielleicht wäre dann alles anders gekommen.

Dass die Geschichte in Montreal spielt, bleibt nebensächlich. Ich bedauere das ein wenig, denn ich reise gern via Literatur in die Wirklichkeit ferner Länder, die Touristen verschlossen bleibt. Andererseits: Nirgendwo ist überall. Denis Thériault hält uns fest in jener Welt, in der wir alle gefangen sind: in unserer inneren Welt. Und so, da Treppensteigen nicht zum Olymp führt, beginnt Bilodo, Briefe zu öffnen, zu kopieren und erst tags darauf den Empfängern zuzustellen, die die Verspätung nicht bemerken: Er ist ein cleveres Bürschchen.

Ein Briefwechsel hat es ihm besonders angetan – der zwischen dem alternden Grandpré aus der Rue de Hêtres und der schönen Ségolène von der Karibikinsel Guadeloupe. Eine Schmetterlingsinsel, wie Bilodo sich vorstellt. Damit sind wir im Reich der Vorstellung, auch Fantasie genannt. Als Bilodo zugegen ist, wie Grandpré von einem Auto überfahren wird und stirbt, wobei ihm ein Brief an Ségolène, den er nun nicht mehr abschicken kann, aus der Hand gleitet und in der Kanalisation verschwindet (es gießt in Strömen), muss er fürchten, dass die Korrespondenz abreißt und die Briefe Ségolènes, die ihn bezaubern und beflügeln, ausbleiben. Da kommt ihm die wahnwitzige Idee, in Granprés Identität zu schlüpfen und Ségolène statt seiner zu schreiben. Was gar nicht so einfach ist, denn die beiden haben einander Haikus geschickt. Haikus sind jene japanischen Gedichte, die nur aus siebzehn Silben bestehen und in ihrer natürlichen Schlichtheit allerhöchste Dichtkunst verkörpern. Diese Kunst, kann Bilodo sie erlernen?

Siebzehn Silben Ewigkeitsiebzehn Silben Sehnsucht, geborgtes Leben. Siebzehn Silben Glück, Verzückung, Extase, erotische Erfüllung. Siebzehn Silben: zu kurz, aber alles wert. Siebzehn Silben, den Briefträgern dieser, unserer Welt gewidmet. Nur so viel sei hier noch verraten:

So wie das Wasser
den Felsen umspült
verläuft die Zeit in Schleifen.

Denis Thériault: Siebzehn Silben Ewigkeit. Roman. A. d. Franz. v. Saskia Bontjes van Beek. dtv. 154 S., geb., 13,90 €.

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