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Wird Vorsorge überschätzt?

Experten fordern mehr Aufklärung über Früherkennung von Krankheiten

Der medizinische Fortschritt hat in den letzten 20 Jahren bei allen Krebserkrankungen zu einer Vervierfachung der Überlebenszeit geführt – allerdings bei einer Verhundertfachung der Kosten. Ist das gerechtfertigt? Das fragten am Dienstag Referenten aus Politik, Medizin und Wissenschaft bei einer von der Interessenvertretung der Innungskrankenkassen (IKK) e.V. organisierten Tagung.

Die leistungsfähigen Früherkennungsprogramme bei Brust-, Darm- und Gebärmutterhalskrebs hob Dr. Rainer Hess, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten und Krankenkassen, hervor. Auch wenn der Kosten-Nutzen-Aufwand bei präventiven Maßnahmen ungünstiger als bei kurativen Maßnahmen ausfalle, habe Vorsorge für den Betroffenen immer einen hohen Stellenwert. Für Hess gibt es keinen Grund, sie zu hinterfragen, auch wenn Nebenwirkungen und Falschdiagnosen nicht ausgeschlossen werden können.

Prof. Ingrid Mühlhauser von der Fakultät Gesundheitswissenschaften der Universität Hamburg kritisierte, dass Vorsorge oft nicht ausreichend untersucht und der Schaden nicht ausreichend kommuniziert ist. Die Bevölkerung sollte besser informiert werden, um in der Lage zu sein, die richtige Entscheidung zu treffen. »Ich möchte sicher sein, keinen Brustkrebs zu bekommen, deshalb gehe ich zum Screening«, laute der Tenor einer Umfrage unter Frauen. Dies sei ein irreales Bild von dem, was mit Vorsorge wirklich erreicht werden kann. Der Nutzen werde weit überschätzt. Tatsache sei, dass die Brustkrebssterblichkeit durch Screening von 0,36 Prozent auf 0,29 Prozent gesenkt wird.

Dr. Leonhard Hansen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, fordert klare Darstellungsformen, nach denen die Menschen sich individuell richtig entscheiden können. Viele Zahlenpräsentationen führten zu verzerrten Meinungen. Manche Versicherte glaubten, dass die Teilnahme an einem Vorsorgeprogramm einem »TÜV-Siegel« gleichkomme. Die Verunsicherung in der Bevölkerung sei groß. Dass Früherkennung neben der Nutzenseite auch eine Schadenseite hat, dürfe nicht vergessen werden, so die einstimmige Meinung der Experten. Trotzdem verwies Dr. Christa Maar vom Vorstand der Felix-Burda-Stiftung auf die großen Erfolge bei der Darmkrebsvorsorge, da diese Krebsart, wenn sie rechtzeitig erkannt wird, heilbar ist. Seit Beginn der Vorsorgeuntersuchungen im Jahr 2002 haben 3,8 Millionen Menschen ab 55 Jahren daran teilgenommen. Dabei konnten 200 000 Krebsvorstufen erkannt werden, von denen sich 40 Prozent in den folgenden Jahren zu einem Karzinom entwickelt hätten. Maar bemängelt, dass es für Hochrisikogruppen mit familiärem und erblichem Darmkrebs kein Screeningprogramm gibt.

Die Entscheidungen des Gesetzgebers für die Vorsorgeprogramme wurden nicht in Frage gestellt. Früherkennung noch intensiver zu betreiben, sei allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht sinnvoll, da »man fortgeschrittene Krebsstadien nicht reduzieren kann«, so Ingrid Mühlhauser.

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