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Ein Mann der klaren Worte

Friedrich Ebert, der erste Oberbürgermeister von Ostberlin – kein Ehrenbürger mehr

  • Von Norbert Podewin
  • Lesedauer: 5 Min.

Beherrschendes Thema der DDR-Medien war am 5. Dezember 1979 eine Trauermeldung: Friedrich Ebert am Vortag verstorben. Noch ein Vierteljahr zuvor hatte das dienstälteste Mitglied der Staats- und Parteiführung zahlreiche Glückwünsche des In- und Auslands zum 85. Geburtstag empfangen: Er schien unverwüstlich. Durch öffentliche Aufbahrung und Staatstrauerakt nahm man nun Abschied von einer Persönlichkeit, deren Wirken vor allem in Berlin unvergessen geblieben ist.

Der Geburtsort lag fernab der Hauptstadt. »Ein kleiner Umstürzler ist angelangt. Bremen, 12. September 1894«, inserierten die Eltern in der »Bremer Bürger-Zeitung«. Vater Friedrich Ebert, SPD-Vorsitzender in der Hansestadt, wurde 1905 nach Berlin berufen. Der Berufswunsch seines Erstgeborenen stand seit Langem fest: Buchdrucker. Für den Schreibgewandten war der Übergang zum Redakteur fließend. Ab 20. Mai 1928 gehörte er auch der SPD-Reichstagsfraktion an. Das amtliche Handbuch informierte: »Seit 1918 Redakteur in verschiedenen sozialdemokratischen Nachrichtenbüros, am ›Vorwärts‹ und seit 1925 als Leiter der Brandenburger Zeitung tätig, Stadtverordneter in Brandenburg (Havel) und Mitglied des Vorstandes des Brandenburgischen Städtetages.« Kennzeichen seines Stils waren Sachlichkeit und Faktentreue – billige Polemik blieb dauerhaft ausgespart. Gegen die faschistische Bewegung bezog Friedrich Ebert von Anbeginn kämpferisch Stellung, was nach der »Machtergreifung« persönliche Konsequenzen hatte: »Schutzhaft« in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Börgermoor/Emsland und Lichtenburg. Zahlreiche Proteste von Persönlichkeiten des Auslands bewirkten schließlich eine Entlassung unter dauernden »Auflagen« und – seit 1940 – Dienstverpflichtung an der »Heimatfront«: Drucker im Reichsverlagsamt.

Die Befreiung am 8. Mai 1945 bestimmte Friedrich Eberts Lebensauftrag: Nie wieder Faschismus und Krieg! Er war Initiator des Neuaufbaus der SPD und setzte sich, auch gegen prominenten Widerstand in den eigenen Reihen, für den Zusammenschluss der Arbeiterparteien ein. Mit Gründung der SED wurde er paritätischer Landesvorsitzender in Brandenburg. Frühzeitig trat er Aufspaltungsplänen Deutschlands entgegen und hielt gegen diese allein im Juni 1947 mitreißende Reden in Heidelberg, Hof, München, Nürnberg und Würzburg. In seiner Geburtsstadt forderte er am 18. Dezember auch für die Westzonen die Enteignung der Großunternehmen: »Man braucht kein Marxist zu sein, um durch eine kritische historische Untersuchung der letzten beiden Weltkriege den ungeheuren Schuldanteil der deutschen Großindustrieellen und Großagrarier festzustellen.« Die so Bedrohten wehrten sich auf eigene Art – sie spalteten mit Hilfe vor allem der USA Deutschland und schufen 1949 den Separatstaat Bundesrepublik. Der dazu wichtigste Vorentscheid war die Währungsreform in den drei Westzonen am 18. Juni 1948, die Deutschland und – ab 25. Juni 1948 – auch die Vier-Sektorenstadt Berlin teilte. Die sowjetische Besatzungsmacht riegelte daraufhin die Stadt ab, bot jedoch die Versorgung für den Westteil an; die Westalliierten reagierten mit der Luftbrücke. Der SPD-geführte Magistrat siedelte in den Westteil – der Ostsektor verblieb im behördlichen Chaos. Ende November erreichte ein dringender Telefonanruf Friedrich Ebert in Potsdam – Wilhelm Pieck bat um sofortigen Besuch. Beide Politiker schätzten einander und der SED-Vorsitzende kam sofort zur Sache: Ebert solle sich als Oberbürgermeister für den Ostteil zur Wahl stellen. Der Überraschte erbat Bedenkzeit, die Pieck einräumte: eine Stunde. Vom »Haus der Einheit« am Prenzlauer Tor lief Friedrich Ebert durch das einstige Zentrum, das als größtes zusammenhängendes Ruinengebiet Europas galt; Bert Brecht, zeitgleich in der Stadt, schrieb lakonisch-treffend: »Berlin, ein Trümmerhaufen bei Potsdam«.

Am 30. November 1948 erklärte eine Außerordentliche Stadtverordnetenversammlung den bisherigen Magistrat für abgesetzt und wählte Friedrich Ebert als Stadtoberhaupt von Berlin/Ost. Ihm stand (nach Wahlen nur in den Westsektoren) seit 7. Dezember Ernst Reuter als Oberbürgermeister/West gegenüber – Berlin war damit politisch wie administrativ endgültig geteilt.

Friedrich Eberts dringendste Aufgabe galt über Jahre der Beseitigung der immensen Kriegsschäden. Am 2. Januar begann das »Nationale Aufbauprogramm« mit einem freiwilligen Arbeitseinsatz von 45 000 Helfern, zumeist Frauen; sie sollten zu symbolischen Schöpfern der neuen DDR-Hauptstadt werden. Am 1. Mai 1952 übergab der Oberbürgermeister den auch in Liedtexten besungenen Neubau »Hochhaus an der Weberwiese« an die 32 ersten Mieter. Die angebrachte Inschrift – »Friede diesem Hause, Friede dieser Stadt, dass sie den gut behause, der sie gebauet hat« – entsprach Eberts Lebensmaxime.

Der »OB« war über die Jahre häufig vor Ort und im Gespräch mit den Berlinern, die den Mann der klaren Worte schätzten. Nach den Wahlen vom 2. Juli 1967 bat Friedrich Ebert um Entbindung seiner Pflichten als Oberbürgermeister – der Scheidende wurde Ehrenbürger. Ein Ruhesitz war damit nicht verbunden, denn nach der Entmachtung Walter Ulbrichts als Erster Sekretär des ZK der SED am 3. Mai 1971 und der Kaltstellung im DDR-Staatsrat nahm Friedrich Ebert als Stellvertreter faktisch die Position des Staatsoberhauptes wahr. Der Zusammenbruch der Bonner Hallstein-Doktrin führte zum Andrang von Staaten, die normale diplomatische Beziehungen zur DDR aufnahmen. Allein im Frühjahr 1973 war Friedrich Ebert daraufhin Staatsgast in Ägypten, dem Libanon und Syrien. Die offizielle Nachfolge als Staatsratsvorsitzender – Walter Ulbrich verstarb am 1. August 1973 – ging am »Amtierenden« vorbei an Willi Stoph. Friedrich Ebert war künftig nur noch bildlich präsent, vorrangig als Repräsentant der Volkskammer. Der Tod des Mitbegründers der SED, die öffentliche Aufbahrung sowie der Trauerzug sah vor allem »seine« Berliner ergriffen.

Im Roten Rathaus, dem einstigen Amtssitz, haben die Nachfolger das Porträt des langjährigen Stadtoberhauptes verbannt. Am 29. September 1992 ließ der nunmehrige Senat von Berlin auch den Namen aus der Ehrenbürgerliste streichen. Doch das Gedächtnis der Bürger ist zählebiger: Die traditionelle Januardemonstration nach Friedrichsfelde zu Karl und Rosa schließt bis heute auch Friedrich Ebert ein; zahlreiche rote Nelken am Grab sind ein steter stiller Dank der Berliner an ihren unvergessenen »Fritze«.

Dr. Norbert Podewin verfasste die Doppelbiografie »Ebert und Ebert. Zwei deutsche Staatsmänner« (Edition Ost).

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