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»Wir geben Produkten eine Stimme«

  • Von Harald Lachmann, Geyer
  • Lesedauer: 6 Min.
Der Pionier des deutschen Soundengineering, der Psychoakustiker Friedrich Blutner im sächsischen Erzgebirgsstädtchen Geyer, beschäftigt sich mit der subjektiven Wirkung von Schall – speziell bei Industrieprodukten, von der Haarspraydose bis zur Waschmaschine.
Zu DDR-Zeiten analysierte Klangexperte Friedrich Blutner Säuglingsschreie. Heute wertet er für die Automobilbranche den Sound von zuschlagenden Autotüren aus.
Zu DDR-Zeiten analysierte Klangexperte Friedrich Blutner Säuglingsschreie. Heute wertet er für die Automobilbranche den Sound von zuschlagenden Autotüren aus.

Der Pechmännelweg am Rande von Geyer wird enger. Es geht durch Bergwiesen, dann links in den Wald. Erst jetzt lässt sich der kleine Bungalow ausmachen. Genial, hier am Ende der Welt, inmitten von Vogelgezwitscher ein Soundlabor einzurichten. Null Durchgangsverkehr, null Zivilisationslärm. Das Innere ernüchtert zunächst. Auf einem langen Tisch liegen Laptops und Hi-End-Kopfhörer, daneben steht ein Kunstkopf mit Spezialmikrofonen in den Ohrmuscheln. Eine Wand ist schallgedämmt. Doch nirgendwo große Aufnahmegeräte oder raffinierte Geräuschmodulatoren. Das soll die Wiege des deutschen Sounddesigns sein, der Firmensitz des Marktführers für psychoakustische Testsysteme?

Billiges klingt oft billig

»Was tun Sie hier eigentlich, Herr Dr. Blutner?« Der Herr mit den dichten Augenbrauen, der mit einem Mitarbeiter stumm vor einem der Bildschirme agiert, nimmt den Kopfhörer ab. »Wir geben Produkten eine Stimme!«, entgegnet er fast vergnügt. Denn Design sei heute mehr als Optik und Haptik. »Wertigkeit lässt sich auch hören. Das Ohr kauft mit!« Ohnehin wären fast 70 Prozent aller Geräusche, die uns umgeben, längst technisch erzeugt. Kaum ein neues Produkt, das Techniker nicht zuvor auf jene akustischen Signale hin checkten, die es aussendet. Für Bohrmaschinen gelte das ebenso wie für Kekse oder Rasenmäher.

Wie zum Beweis stülpt er dem Gast den Kopfhörer über und ruft eine Datei auf. »Hören Sie gut drauf«, rät er. Man vernimmt, wie mehrere Autotüren zuschlagen. Manche klingt leise und gediegen, eine andere recht hohl, eine dritte scheppert lasch. Es sind Aufzeichnungen, die er für einen Test gemacht hat. Billiges klinge halt oft billig, kommentiert er. Und das Ohr sei nun mal das komplizierteste aller Sinnesorgane, deutlich differenzierungsfähiger als das Auge. »Praktisch gebe es ohne Sound den Menschen gar nicht«, ist er sicher. Und doch ließen sich viele durch ihre Augen täuschen.

Dabei kenne man das doch: Man will eine Waschmaschine kaufen, sieht die Auswahl, ist ratlos – und klopft plötzlich auf die Geräte. Man öffnet die Tür, lauscht wie es klingt und schließt daraus auf Material und Verarbeitung. Über drei Jahrzehnte untersucht der promovierte Psychoakustiker bereits die subjektiven Wirkungsmuster von Schall: Was treibt die Akustik mit unserem Unterbewusstsein? Lässt sich Wohlklang messen? Wie muss ein Produkt klingen, dass man es mag?

In der DDR, als er in einem sächsischen Psychoakustiklabor an Computerverfahren zur Sprach-erkennung forschte, analysierte er mal mit seinem Team Säuglingsschreie. Dabei gelang es ihnen, allein anhand der Melodie, der Klangfarbe und der Länge der Klagetöne exakt herauszuhören, wonach das Baby gerade verlangt. Mit Soundengineering, also dem Schnittpunkt von Psychologie, Technik und Design, hatte das noch nichts zu tun. »Damit ging es erst vor knapp 20 Jahren los«, so Blutner. Und unvermittelt fragt er, ob man eine Erfrischung wolle. Er stellt ein paar Plastikflaschen mit Wasser auf den Tisch. Man durchschaut schnell den Hintersinn, denn schon drängt er ein wenig lauernd, sich zu bedienen. Alles, was nun geschieht, hat er im Auftrag von Kunden bereits analysiert: Ob der kleine Knacks beim ersten Drehen des Flaschendeckels klingt, »als wenn man einem Huhn den Hals umdreht«? Ob es danach wohlig zischt oder die entweichende Kohlensäure eher »etwas brutal« faucht? Ob das Gluckern beim Eingießen Lust auf Trinken macht oder nur penetrant abtörnt?

Blutner lacht: Nachdem Funktionalität, optische Gestaltung und taktile Anmutung in vielen Bereichen weitgehend ausgeschöpft seien, wäre der Sound – neben dem Duft – der einzige neue Faktor, um noch Dinge attraktiver zu machen. »Die Automobilindustrie erkannte das als Erste. Anfangs ging es lediglich um die Reduktion des Lärms, doch längst stecken die Hersteller viel Geld in eine wohltuende Schallqualität im Fonds«, weiß er.

Er hält eine Weinflasche hoch, fährt mit den Fingern den Hals entlang – und schmunzelt. In seinen Experimenten fand er heraus, dass vor allem die Flaschenform den Klang beim Eingießen beeinflusst. Ein langer Hals und ein möglichst buckliger Übergang zum Flaschenkörper beschleunigten die Luftblasen beim Eingießen und riefen so das liebenswerte Glucksen hervor. Über die Variation der Flaschenform lasse sich zudem die Klangfarbe der Geräusche modulieren.

Die Tür geht auf. Mitarbeiterin Martina Drehmann bringt zehn Dosen Haarspray herein. Es handelt sich um einen laufenden Auftrag, über den er sich wie zumeist bedeckt hält. Sie zieht den Kunstkopf heran – es wird kosmetisch: Das Team soll die Sprühgeräusche testen, die die Sprays verschiedener Hersteller verursachen. Eine Praktikantin mimt die Friseuse. Routiniert probiert sie alle Dosen durch – stets erst ein kurzes Spritzen, dann ein langes. Es überrascht, wie sehr sich die Sprays allein hierbei unterscheiden.

Datenbank mit 1259 Hörworten

Die Physikerin schneidet alles mit und arbeitet die Aufnahmen gleich in PATS ein. »Psychoakustisches Test- und Analysesystem«, klärt Blutner auf. Mit der in Geyer kreierten Technologie ließen sich Schallereignisse beurteilen, auflösen und halt designen. Die Sachsen erstellten dazu eine Stammdatenbank von 1259 Hörworten, mit denen sich Geräusche fein gefächert benennen, vergleichen, zuordnen, kontrastieren oder nach Archetypen filtern lassen. In Kürze wird man die Aufnahmen in Blindtests zwei Probandengruppen zu Gehör bringen. Sowohl Geräuschexperten als auch untrainierte Normalkäufer sollen sie dann intuitiv beurteilen. »Ihre Bewertung erfolgt nach verschiedenen Parametern – Akzeptanz, Wertigkeit, Lautstärke, Tonhelligkeit usw. – auf einer Skala von 1 bis 10«, erläutert Blutner. Mittels eines Keypads geben sie ihre Noten sofort in das System ein.

Er versucht es schon vorab ein wenig zu simulieren. Also Kopfhörer wieder auf. Doch zunächst ist man nur verwirrt: Zwanzigmal ein ähnliches Zischen, Rauschen, Schnaufen. Doch langsam öffnet sich der Klangraum, das Ohr wird zugänglicher für Nuancen. »Achten Sie auf die inneren Bilder, die sich stets ergeben«, ruft der Experte. »So lassen sich die Klänge am besten differenzieren.«

Aus den Klangschnipseln der Tests selektieren die Forscher dann bestimmte Klanggruppen, die sie nach Hörtypen unterscheiden. So erhalten sie konkrete Hinweise auf mögliche Zielsounds für bestimmte Konsumenten, abhängig von Alter, Bildung, Temperament, Geschlecht. Das Ganze dann noch gekoppelt mit objektiven Messwerten für Materialqualität und Produktbeschaffenheit, lassen sich dann recht exakt qualitative Unterschiede zwischen den Geschmäckern herauskristallisieren. »Damit können wir nun errechnen, wie man diese Werte verändern muss, um besagten Zielsound zu erzeugen«, so Blutner. Motto: Klang statt Lärm. Die Techniker der Hersteller müssten sich danach halt Gedanken machen, wie sie Soundelemente in den Sprühkopf einbauen, damit sein Betätigen beispielsweise voll und frisch klingt.

Gleichwohl weiß er: »Den allgemein gültigen Wohlklang gibt es nicht.« Nicht einmal bei der Geige, deren weltentrücktes Schluchzen er für das klangliche Maß aller Dinge hält. Und ein wenig selbstzufrieden weist er auf mehrere Plakate im Raum. Sie stehen für das Meisterwerk der Firma: eine Art Stradivari aus Edelharz. Beruflich groß geworden im erzgebirgischen Musikwinkel, sah es der 60-Jährige schon immer als Herausforderung, hinter die Geheimnisse der Violinenbauer von Cremona zu kommen. Mit einer »akustischen Kamera«, die computergestützt die Ausbreitung von Schall im zeitlichen Verlauf darstellen kann, vermaß er Geigen im Hörlabor. Er ließ Testpersonen Sonaten spielen und nahm sie per Kunstkopf auf, zerlegte dann die Töne.

Dann experimentierte er am optimalen Resonanzkörper. Doch Holz erwies sich als zu launisch, schwarze Karbonfasern erzeugten dagegen ästhetischen Widerspruch. So verband er das eine mit dem anderen: Der Holzboden wird innen hauchdünn mit fasergebundenem Kunstharz ausgegossen. »Das verleiht der Geige eine erstaunliche Stabilität und erzeugt so einen Klang, dem bei öffentlichen Testes selbst eine Stradivari nicht gewachsen war«, freut er sich noch immer sichtlich.

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