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Fürst und Offizier

Zum Tode von Wjatscheslaw Tichonow

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Der langhaarige Pope Pawlin im verfilmten Gorki-Drama »Jegor Bulytschow und die anderen«. Da schlurfte ein hagerer, verschlissener Rest Religion durch eine absterbende Kaste Geldmenschen. Da musste einer ständig das Höhere herunterbeten, dem man doch ansah, dass er sich in der Agonie der Gesellschaft alles, nur eines nicht vorstellen konnte: Erlösung.

Der Geschichtslehrer in »Warten wir den Montag ab«. Da war ein sehr ernster Mann am Punkt der Zurücknahme, ein Erzieher im Sog der Resignation. Unruhe streift da eine Seele, als breche mit dem Konflikt der Generationen gleich eine Gesellschaft zusammen, die ihre Werte nur wie Worte nimmt

Der Fürst Bolkonski in »Krieg und Frieden«. Da war aller Adel, alle Kultur, alle Anmut und aller Hochmut in einen Pelz gesteckt, aber aller Stil und alle Beherrschung konnten das Wahre nicht bannen: die unsagbaren Reize des Verlangens, den großen Gefühlshunger eines einsamen Menschen.

Der Kundschafter im Fernsehvielteiler »Siebzehn Augenblicke des Frühlings.« Da war der Kommunist – in der Rolle des SS-Standartenführers Stirlitz. Im Osten ein Straßenfeger, ein Serienhalbwelterfolg. Das gute Werk im Zentrum des Bösen. Der Kitzel der Konspiration. Ein Porträt der Zerreißproben mit Genossen James Bond.

Filme mit Wjatscheslaw Tichonow (Foto: Archiv), geboren 1928 in Pawlowo-Passad bei Moskau, einem der großen Schauspieler des sowjetischen Kinos. Er war Schüler von Sergei Gerassimow, bei dem er 1948 seine erste Filmrolle erhielt, in »Die junge Garde« nach Fadejews Roman. Es gibt ein Foto: Tichonow sitzt hinterm Schreibtisch, seine vierjährige Tochter hockt auf diesem Tisch, inmitten von Büchern und Papieren. Auf diesem Tisch stand einst der Schüler Sascha und pfefferte Majakowski-Verse in ein imaginäres Publikum. Vor realen Zuschauern hatte der spätere Dreherlehrling indes derartige Angst, dass er sein drängendes Interesse für den Schauspielerberuf jahrelang unterdrückte. Eines Lehrers Werbezug für die Laienspielgruppe machte Schlaks Tichonow mit überzeugend vorgetragenem Lispeln zunichte.

Mitunter überschreiten die Frechheiten des Schicksals alle Grenzen: Noch der Tod darf in der Maske des willkommenen Anlasses auftreten! Denn mit dem Namen Tichonow, selbst wenn er nun aus traurigem Grunde fällt, überkommt uns gleich die Erinnerung an ein beträchtliches Namensfeld, und ob sie nun gestorben sind oder nicht: Uljanow oder Batalow, Bondartschuk oder Schukschin, Nikulin oder Tabakow, Leonow oder Strishenow oder Smoktunowski – es ist sofort alles wieder da, was längst nicht mehr da ist. Eine verstorbene Kinematografie meldet sich zurück. Die Melancholie legt Filmrollen ein: Auch Tichonow steht für den Merksatz, dass es einmal ein anderes Kino gab, eine andere Besinnungskraft für Filme, eine gewisse Langsamkeit der Erlebnisse, eine nie wieder so ursprüngliche Innigkeit im Aufnehmen bewegter Bilder. Die Stoffe der Filme sind vielfach blass geworden im Gedächtnis, die Botschaften verschwammen, geblieben ist die Innigkeitsempfindung.

Wir sind programmiert in dem, was wir vermissen. Heraufbeschworen wird dies Programm auch von der Ahnung, dass da etwas zu bewahren sei im allseitigen Westen, der wir geworden sind. Und so kommt plötzlich beim Tod eines Schauspielers eins zum anderen. Dessen Ende hat einen Widerhall. Der Augenblick, der zu vermelden ist, stößt eine zeitliche Tiefe an. Die wenig erbauliche Nachricht hat einen Mehrwert: den Erinnerungsmehrwert. Kunstgeschichte: Kunst ist auf Geschichte angewiesen, um auf uns zu wirken; wir wollen überrascht werden von dem, was wir schon wissen; was wir sehen, muss uns an etwas erinnern.

Der Junge vom Sklavenschiff. Die Spur führt nach Le Havre. Sie kämpften für die Heimat. Weißer Bim Schwarzohr. Filmtitel wie schöne Einschläge. Stimmt ja, fast schon vergessen, nein, unvergesslich. Tichonow hatte die Traurigkeit eines Bogart, den Fremdheitscharme eines Cage, und in Anfangsjahren schien er mit jener jungenhaften, fast unschuldigen Sauberkeit eines Delon zu liebäugeln, die sich doch mehr und mehr den kalten, zwielichtigen Seiten des Lebens zuneigte. Aber es siegte, zunächst, jenes Vereinfachungsgebot, mit dem man Helden macht, diese sozialistisch-realistische Konsequenz aus einer positiven Ausstrahlung. Bis er sich in der Verfilmung der »Optimistischen Tragödie« von Wischnewski, in der Rolle des anarchischen Matrosen Alexei, in eine zergerbte Ruppigkeit stieß, gleichsam: die feine Haut voll Krust, jene fast schon edle Aura nun ein Dunst aus männlicher Gier und Galle.

Am Freitag ist Wjatscheslaw Tichonow mit einundachtzig Jahren in Moskau gestorben.

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