Comic über »Linksextremismus«: Böse, alle böse ...

Ein neues Abenteuer von Andi und seinen Freunden aus dem NRW-Innenministerium

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 3 Min.
Comic ist lustig – meint man landläufig. Mache allerdings machen ärgerlich. So wie der »für Demokratie und gegen Extremismus« aus dem nordrhein-westfälischen Innenministerium.

Unter dem Titel »Bekämpfung des politischen Extremismus« hat die neue schwarz-gelbe Regierung in Berlin zuletzt die unsägliche Totalitarismus- und Extremismustheorie in ihrem Koalitionsvertrag als Kampfauftrag für die neue Legislaturperiode festgeschrieben. Demnach gilt es auch auf Bundesebene zukünftig unterschiedslos alles zu bekämpfen, was sich außerhalb des Konstrukts der »politischen Mitte« befindet – Rechte, Islamisten und Linke. Das nordrhein-westfälische Innenministerium ist da mit seiner Reihe »Comic für Demokratie und gegen Extremismus« schon einen Schritt weiter: Im aktuellen dritten Band muss Titelheld Andi einen Freund aus den Fängen des Linksextremismus befreien.

Als »neues Abenteuer« von Andi und seinen Freunden kündigt das Comic-Alter-Ego von NRW-Innenministers Ingo Wolf (CDU) an, was auf knapp 40 Seiten zusammenfabuliert wird. Die Geschichte ist schnell erzählt: Mit seinem Freund Ben besucht Andi ein Konzert in einem Autonomen Zentrum. Ben trifft dort seinen alten Kumpel Klausi alias »Randale« - wie originell – und das Schicksal nimmt seinen Lauf. »Randale« und seine Schwester Nele sind Autonome und stiften Ben nach dem Konzert dazu an, einen Spruch an eine Wand zu sprühen. Prompt wird Ben von der Staatsmacht in Gestalt eines schnauzbarttragenden Streifenpolizisten – das humoristische Highlight des Comics – erwischt, hat mächtig Ärger und seine Freunde machen sich große Sorgen.

Weiter führt Bens Linksextremistenkarriere über ein Plenum im Autonomen Zentrum, wo er so gar nichts mit dem theoretischen, »endlosen Gelaber« anfangen kann und einem Aufeinandertreffen mit neonazistischen Autonomen Nationalisten, die Bens Freunde so gar nicht von Linken unterscheiden können (wollen): »Die reden voll den gleichen Quark ...und aussehen tun sie auch gleich ... aber hassen tun sie sich wie die Pest.«

Nazis, Linke? Egal, sind halt alles Extremisten. Bens Ausflug in den Linksextremismus gipfelt in einer Demonstration gegen Nazis und – na was wohl? Genau: Gewalt. Desillusioniert steht er in einer zerstörten Innenstadt und kehrt schließlich zurück in die Mitte der Gesellschaft und seiner nicht-extremistischen Freunde.

Dass Linksradikale Gewalt anwenden, ist nicht zu leugnen. In diesem Punkt kann man dem Comic nicht widersprechen – die jüngsten Attacken auf eine Polizeistation in Hamburg und eine Außenstelle des Bundeskriminalamt in Berlin-Treptow lassen sich nicht wegdiskutieren. Doch endet jedes linke politische Engagement jenseits der Sozialdemokratie, das hier unter Linksextremismus subsumiert wird, zwangsläufig in Gewalt?

Der Comic suggeriert es: Nach Andis und Bens Abenteuer erzählt das NRW-Innenministerium den Lesern »Was ihr schon immer über Linksextremismus wissen wolltet« – zumindest das was sich die Macher unter Kommunisten, Maoisten, Trotzkisten, Marxisten-Leninisten, Anarchisten, Autonomen und Antideutschen so vorstellen. Nur um zu dem Schluss zu kommen, dass »einer der umstrittensten Punkte – auch unter Linksextremisten – die Anwendung von Gewalt als Mittel zum gesellschaftlichen Umsturz« ist. »Immer wieder wird die politisch motivierte Gewalt als erlaubtes und geeignetes Mittel angesehen, um linksextremistische Vorstellungen zu verwirklichen. Besonders wenig Probleme mit der Ausübung von Gewalt hat der aktionsorientierte Linksextremismus, der sich vor allem auf der Straße zeigt.«

So weit, so nicht ganz falsch. Doch den Satz, dass Gewaltanwendung unter Linken nicht nur umstritten ist, sondern durchaus explizit abgelehnt wird, schon gar nicht obligatorischer Bestandteil linksradikaler Politik ist und es zahllose Menschen gibt, die sich konsequent aber gewaltfrei für ihre Anliegen einsetzen, sucht man vergebens.

Schön bunt und »modern« verpackt gibt sich das NRW-Innenministerium alle Mühe linke Ideen generell mit Gewalt in Verbindung zu bringen und über die Gleichsetzung mit anderen »Extremismen«, die nicht nur im Comic als »Links gleich Rechts« daherkommt, sondern schon in der Konzeption der Reihe mit seinen drei Bänden zu Rechtsextremismus, Islamismus und Linksextremismus angelegt ist, zu diskreditieren. Netter Versuch, Herr Innenminister, nur mit der Realität hat das wenig zu tun. Und bei allem Ärger über die beabsichtigte Kriminalisierung der Linken, für ein paar Lacher über die unsagbar hanebüchene Ausführungen, reicht der Comic allemal.

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