Werbung

Die Starke

Hanna Schygulla erhält auf der Berlinale 2010 einen »Bären« fürs Lebenswerk

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Rauschzustände hat sie geliebt. Auch den Glamour. Aber beides ist eine Anstrengung, die eines Tages nicht mehr lohnt. Dann, wenn der Charakter sein Recht einfordert. Bei Hanna Schygulla war es jener Tag, da ihre Mutter einen Schlaganfall bekam; das Sterben, das nun einsetzte, dauerte zehn Jahre. Schygulla hat keine Kinder, nun wurde die Mutter zum betreuten Wesen. Dann der alte Vater. »Dieses Dienen hat mir gut getan«, nach Zeiten des hitzigen Fassbinder-Lebens, als sie eine glorreich schillernde »Marionette des Spiels« war. Eine gänzlich Unprivate, bloße Form für die Gestaltungsgier der Regisseure. Sie löste sich für szenische Lösungen gleichsam auf.

Geboren wurde sie 1943 bei Auschwitz – einen Tag nach Heiligabend. Der Arzt hatte ihrer Mutter eine Verzögerungsspritze gegeben, man wollte in mindestmöglicher Ruhe Weihnachten feiern. Es war ein Arzt aus dem nahen Lager. Und das Mädchen hatte eine Ur-Empfindung: sehr langsam zur Welt gekommen zu sein. Diese Ur-Empfindung schuf eine Ur-Angst: stecken zu bleiben, eingesperrt zu sein. »Daher sitze ich immer in Türnähe.«

Gemeinsam mit Rainer Werner Fassbinder gründete die studierte Germanistin und Romanistin das »Antitheater«. Spielte des Genies Effi Briest und Lilli Marleen. War in Filmen europäischer Spitzenregisseure die Laszive in gefühlskünstlichen Welten. Schygulla bei Fassbinder: oft nur die reine Anwesenheit, mehr und mehr ging sie nämlich dazu über, der Kamera nichts zu geben, die Kamera sollte sich gefälligst holen, was der Film brauchte, um Kunst zu werden. Oft schien sie sogar Angst davor zu haben, etwas ausdrücken zu müssen. Es gibt eine Angst, eine Fremdheit sich selbst gegenüber, die macht das unverwechselbar Starke eines Menschen aus.

Aus der Schauspielerin wurde die Sängerin, aus der Sängerin wieder die Schaupielerin (in Filmen von Steinbichler und Akin). Comeback? Größe kehrt nicht um und um, je nach Konjunkturgebot. Größe wartet, bis die anderen das Wesentliche begreifen. Die Kunst der Schygulla ist eine Einladung an die Rätsel der Welt: Keines von ihnen ist im Spiel dieser Frau gezwungen, seine Lösung zu gestehen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung