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Ballade von den Berliner Bronzelöwen

Skulpturen, die dem Lauf der Zeiten trotzen

  • Von Erhard Scherner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Ballade, weniger dem gefährdeten Transvaal-Löwen (Panthera leo krugeri), vielmehr dessen Abbild gewidmet, ist laut am Berliner Neptunbrunnen oder verhalten am Brehm-Haus zu singen – ein Hohelied auf beispielhafte Zählebigkeit.

Das sind die Löwen mit Schnee im Haar,
und der Regen wäscht ihr Gesicht.
Und es lässt sie kalt, was gestern war.
Doch sie blinzeln bei Licht.

Aber noch fiel Schnee ganz ungehemmt vor das Berliner Schloss, und Wilhelm der Letzte sagte jovial: Mein lieber Begas, sagte er, der Brunnen, den Sie mir da vor die Nase gesetzt haben als Geschenk der Berliner an ihren Kaiser – was für ein Volk, gutherzig und vergesslich! – ist wirklich sehr nett mit Neptun und den Nymphen: Ja, unsre Zukunft liegt auf dem Wasser. Aber meinen Sie nicht auch, dass an die Schwelle des scheidenden Jahrhunderts ein Denkmal gehört, national und monumental, ein Reiterbild: Wilhelm I, ja, ja, einst der Kartätschenprinz ... Lassen Sie sich mal was einfalIen, was Erhabenes, Hohes, na, sagen wir 26 Meter hoch: der Kaiser umgeben von den Königen der Wüste.

Das sind die Löwen mit Schnee im Haar,
und der Regen wäscht ihr Gesicht.
Und es lässt sie kalt, was gestern war.
Doch sie blinzeln bei Licht.

Der Regen hat den Leuten ins Gesicht geklatscht – der Kaiser hat den Reichstag, weil er nicht gehorchte, aufgelöst. Aber Reinhold Begas kaufte 1893 tonnenweise dunkelroten schwedischen Granit für die Postamente, bastelte, neun Meter groß, Pferd und Kaiser, und landauf, landab die berühmtesten Tierplastiker durften Löwen machen, vier monumentale Bronzelöwen.

Das sind die Löwen mit Schnee im Haar,
und der Regen wäscht ihr Gesicht.
Und es lässt sie kalt, was gestern war.
Doch sie blinzeln bei Licht.

Vier Millionen Goldmark kostete die Pracht, und es brauchte vier Jahre. 1897 war es dann soweit. Wie eh und je überschrieen sich die Zeitungsjungen am Alex und in der Friedrichstraße:

»Nationaldenkmal eingeweiht!«
«Kaiserliche Marine erobert Tsingtau im fernen China!«
»Fürst Bülow fordert für Deutschland den Platz an der Sonne!«

Der Sonne nahe, zwanzig Meter hoch, saß ein Kaiser zu Pferd, darunter, grimmig und drohend, ihr wisst schon ...

Hochgeblinzelt hat mein Großvater zu den Löwen, unter deren Leibern Spieße und Bajonette blitzten, und er trug seinen Matrosenanzug. Klasse 5 hatte Wandertag, und Herr Meyerbrink wies hoch zu den Raubkatzen und erläuterte, welcher Leu nach England faucht, nach Dänemark kratzt, nach Frankreich bleckt, nach Russland tatzt. Und er wusste es genau, denn er war Preuße und Großvaters Geschichtslehrer.

Das sind die Löwen mit Schnee im Haar,
und der Regen wäscht ihr Gesicht.
Und es lässt sie kalt, was gestern war.
Doch sie blinzeln im Sonnenlicht.

Natürlich gab's dann Krieg, in dem allerdings, und wider Erwarten, der Kaiser abhanden kam. Aber weil sonst die alte Herrlichkeit so schön erhalten blieb, hieß es bald wieder nach Engeland fahren, nach Dänemark und nach Frankreich hinein, und mein Vater nach Russland. Und während Vater abgemagert aber geheilt nach Hause kam, fand er doch die Stadt nicht heil. Auch das Schloss war kaputt, und das Denkmal, das monumentale, ebenso. Aber abends, gegen 21 Uhr 30, besahen zwei Buntmetalldiebe ihr schmales Sägeblatt, und der eine murmelte heiser: Der Hals ist zu dick. Versuchen wir's mit dem Schwanz.

Das sind die Löwen mit Schnee im Haar,
und der Regen wäscht ihr Gesicht.
Und es lässt sie kalt, was gestern war -
»Mensch, Schnauze! und kein Licht!«

Bald sahen sie alt aus, die Löwen, uns nicht mehr zu Häupten kauernd und nun amtlich in Stücke zerteilt, Schrott zu Schrott, am trüben Hinterhof der angeknacksten Museumsinsel, Spieße und Bajonette unter dem Bauch. Im November 54 sah mein Vater die Bestien mit Vergnügen, denn er hatte Kummer ob der Kupfer- und Zinnversorgung seiner VVB. 176 Zentner brachte Vater auf die Waage. Aber ein Professor aus Sachsen, redegewandt und enthusiastisch, trat dazwischen und rief:

Halt! Was können die Löwen dafür, die Löwen aus der Meisterhand Gauls und die von Krauß. Gebt sie mir entwaffnet und domestiziert – Pantheras leones domesticas – und ich verwahre sie, sagen wir es mit gebotener Bescheidenheit, im schönsten Tierpark von Europa, Asien und Nordamerika. Zugleich ersuche ich den Magistrat der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen um eine Bronzezuteilung für neue Schwänze ...

Nun mach was: Im Sozialismus hat der Löwe eine Perspektive.

Aber die Leute kommen ja von ziemlich weit, auch Engländer, Dänen, Franzosen. Und ich führe Oleg Stepanowitsch vors Brehm-Haus und sage – überzeugt:

Das sind die Löwen mit Schnee im Haar,
und der Regen wäscht ihr Gesicht.
Und es lässt sie kalt, was gestern war.
Doch sie blinzeln bei Licht.

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