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Lichter für die Sternenkinder

Eltern schufen sich mit einem Babyfriedof in Schöneberg einen Ort des Gedenkens

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Ria Schulz am Grab von Lilia
Ria Schulz am Grab von Lilia

Lilli hatte nicht viel Zeit. Der 21. Januar 2009 war ihr Tag. Das Mädchen lebte nur ein paar Stunden, bevor sie in den Armen ihrer Eltern einschlief. Ein kleines Metallschild an ihrem Grab weist darauf hin, dass Lilli einmal auf der Welt war. Ihre Mutter Miriam Gängler* hat Rosenblätter auf der dunklen Erde ausgelegt. »Lilli hat sich ihre Eltern ausgesucht«, meint sie. Darüber verspürt die 30-Jährige eine große Dankbarkeit. Und die überwiegt bei ihr gegenüber dem Leid, das mit dem Verlust behaftet ist.

Die Mutter sitzt lange auf dem Geländer in dem Garten der Sternenkinder. Ein Engel aus Terracotta breitet schützend seine Flügel über die 80 kleinen Grabstellen aus. Kinder, die im Mutterleib starben oder kurz nach der Geburt, finden hier auf einer Lichtung im St.-Matthäus-Kirchhof ihre letzte Ruhe. Erdbeeren umsäumen die Gräber und haben im Herbst Ableger gebildet, die nun den Boden bedecken. Es heißt, dass die Gottesmutter am Johannistag mit den verstorbenen Kindern im Paradies Erdbeeren pflücken geht. Die Erdbeere ist die Speise der Seeligen.

Für Miriam Gängler ist der Ort ein Segen. Hier findet sie Trost. »Natürlich ist es für jede Mutter ein schlimmes Erlebnis, wenn das Kind stirbt.« Aber die Trauer der Eltern, deren Baby gestorben ist, wird oft nicht wahrgenommen, weil es ein unbekanntes war – ein Sternenkind. Am Sonntag erinnert Miriam Gängler gemeinsam mit anderen Eltern auf dem Kirchhof in Schöneberg ihrer verstorbenen Kinder. An diesem Gedenktag werden überall in der Welt um 19 Uhr Kerzen angezündet. Erlöschen sie in der einen Zeitzone, so beginnen sie in einer anderen zu leuchten.

Auch Ria Schulz wird dort sein. Sie verlor ihre Tochter in der 37. Schwangerschaftswoche ganz plötzlich in der Nacht, weil die Nabelschnur abgeknickt war und das Baby nicht mehr versorgt werden konnte. Sie spürte das Kind noch am Abend im Bauch und ging tags darauf zur Routineuntersuchung. »Der Frauenarzt konnte keine Herztöne mehr messen. Das Gerät zeigte einfach keinen Ausschlag mehr an«, erzählt die 25-Jährige noch immer geschockt. Auch der Arzt war sprachlos. Jetzt, neun Monate später, sagt sie, dass es für sie gut war, die Wahrheit gleich anzunehmen. Am nächsten Tag leitete sie die Geburt ein. Die Mutter zeigt einige Fotos, auf denen das stille Baby mit geschlossenen Augen in ihrem Arm liegt, eingewickelt in eine Decke. »Langsam habe ich gemerkt, wie Lilia kalt wurde, und ich konnte nichts dagegen machen.«

Wiegt ein verstorbenes Kind weniger als ein Kilo, ist in Berlin keine Bestattung notwendig. »Dann kommen die Föten in die Krankenhausabfälle. Aborte heißen die, das ist ein perverser Name«, findet Bernd Boßmann, der sich im Förderverein Efeu um den St.-Matthäus-Kirchhof kümmert. Der Mann sitzt manchmal auf einem Stuhl vor seinem Café neben dem Eingangstor und raucht eine Zigarette. Der Tod werde oft aus dem Leben gedrängt, meint er. »Aber damit sind Themen verknüpft, die zu wichtig sind, als dass sie unter den Tisch fallen.« Für Boßmann ist die Trauer wichtig, um wieder in die Zukunft blicken zu können.

Der Förderverein schuf einen Ort, an dem diese Sternenkinder ihre letzte Ruhe finden. Denn noch immer sterben von 1000 Kindern vier Babys vor der Geburt oder wie Lilli wenig später. Miriam Gängler wusste, dass ihre Tochter kaum eine Überlebenschance haben würde. Sie litt am Turner-Syndrom: Ihren Körperzellen fehlte eines der beiden X-Chromosomen. Nur selten sind solche Embryos lebensfähig. Natürlich überfielen die Mutter Zweifel, dass alles, was sie durchmacht, sinnlos sei. Aber sie entschied sich gegen eine Abtreibung. »Ich verstand nicht, warum ich die kurze Zeit, die ich mit meiner Tochter haben werde, nicht haben sollte.«

Die Schwangere fürchtete sich vor einer unsensiblen Betreuung bei der Geburt im Krankenhaus. Deshalb schrieb sie bis ins Detail auf, wie sie und ihr Baby behandelt werden sollten. »Ich wollte nicht, dass Lilli mit Morphium vollgepumpt wird«, erzählt sie. Das Kind sollte ihre wenigen Stunden bei klarem Bewusstsein erleben. Dann war Lilli auf der Welt und schien sich besonders im Arm ihres Vaters Walter Lion wohl zu fühlen; während sie bei Miriam Gängler unruhiger war, was die Mutter wiederum eifersüchtig machte. Die Hebammen ließen sie im Kreißsaal des Neuköllner Klinikums allein, und die junge Familie kostete ihr kurzes Glück aus.

Fünf Tage vergingen von den ersten Wehen bis zur Beerdigung. »In der Zeit habe ich wie in einer Blase gelebt«, sagt die Mutter. Sie aß nichts, sie dachte nichts, sie funktionierte aber doch, irgendwie. Lilli wurde beim Standesamt angemeldet und gleichzeitig abgemeldet. Die Familie kam zum Abschiednehmen der kleinen Unbekannten, die dann in einem Tuch beigesetzt wurde.

Neben Lilli liegt Lilia, die nur drei Wochen später zu Grabe getragen wurde. Es war ein verschneiter Wintertag. Ria Schulz hat zwar einige Fotos, aber sie kann sich an diese quälende Zeit kaum noch erinnern. Nur, dass sie zwei Amulette kaufte. Eins für sich, das andere für Lilia. »Die Verkäuferin meinte, für ein Baby sei die Kette viel zu lang.« Ria Schulz dachte, das macht nichts, das Kind ist doch sowieso tot. Doch sie schwieg und bezahlte beide.

Auf ihr Studium in Erziehungswissenschaften konnte sie sich einige Monate nicht konzentrieren. Dafür kümmerte sie sich intensiv um ihre zweijährige Tochter Leona. Auch ihr Freund Stefan Günther, der seine Examensarbeit schreiben wollte, musste pausieren. Bei ihm sei die Trauer stiller, meint sie. »Als wollte er sein Leid verdrängen.« Kathrin Schadt stimmt ihr zu. Männer gehen ähnlich mit dem Tod ihrer Kinder um. Sie reden weniger darüber, sind in sich gekehrt, als würden sie ihre Rolle als starker Mann wahrnehmen.

Nun besucht Ria Schulz seit einigen Wochen wieder Seminare. Obwohl sie noch immer alle paar Tage eine Verstimmung hat. »Mir kommt das vor, als müsste ich gegen ein verdammtes schwarzes Loch ankämpfen.« Trost spendet ihr die Gemeinschaft mit anderen Eltern von Sternenkindern. Einmal im Monat treffen sie sich auf dem St.-Matthäus-Kirchhof. Dann sitzen sie in dem kleinen Café zusammen, das Bernd Boßbach betreibt, und gehen gemeinsam den kleinen Hügel hoch zu den winzigen Gräbern in ihrem zauberhaften Garten. »Manchmal sagen wir uns, dass unsere Kinder Grimms Märchen hören.« Jakob und Wilhelm Grimm sind nur einige Meter entfernt begraben.

*Name von der Redaktion geändert

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