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»Blonder Todesengel« vor Gericht

Prozess wegen Menschenrechtsverletzungen des Militärs in Argentinien

  • Von Jürgen Vogt, Buenos Aires
  • Lesedauer: 3 Min.

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In Buenos Aires hat der Prozess gegen 17 Militärangehörige wegen Menschenrechtsverbrechen während der letzten Militärdiktatur (1976-1983) begonnen. Den Angeklagten wird Mord, Entführung, Folter und Verschwindenlassen von Personen in mindestens 79 Fällen vorgeworfen. Der Prozessbeginn war immer wieder verschoben worden.

Unter den Angeklagten ist auch der als berüchtigter »blonder Todesengel« bekannte Kapitän Alfredo Astiz (58). Als ginge es zum Golfspielen, so lässig gekleidet saß Astiz auf der Anklagebank. Als der Vorsitzende Richter den ersten Verhandlungstag schloss, stimmten die Familienangehörigen der Opfer das bekannte »30 000 desaparecidos, presentes. Ahora y siempre« (30 000 Verschwundene, hier! Jetzt und für immer) an.

Mit breitem Grinsen erhob sich Astiz in Richtung Publikum, vor sich ein Buch haltend. Der Titel »Volver a matar« (Töte wieder) von Juan Bautista Yofre. Der Autor, Geheimdienstchef in den Jahren 1989 und 1990 unter dem damaligen Präsidenten Carlos Menem, schreibt darin über die gewaltsamen Auseinandersetzungen in den Jahren vor der Diktatur.

Bei dem am Freitag begonnenen Prozess handelt es sich um den so genannten Megacausa ESMA, bei dem die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen zusammengefasst sind, die von Angehörigen der Mechanikerschule der Marine ESMA begangen wurden. Sie war das größte geheime Haft- und Folterzentrum in der Hauptstadt Buenos Aires. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass dort mehr als 5000 Menschen gefoltert wurden und spurlos verschwanden.

In dem Verfahren geht es auch um die Entführung und das Verschwindenlassen des Schriftstellers Rodolfo Walsh im März 1977, das der zwei französischen Nonnen Alice Domon und Leonie Duquet sowie der Gründerin der Mütter der Plaza de Mayo, Azucena Villaflor de Vincenti im Dezember 1977. Die Leichen der drei Frauen wurden während der so genannten Todesflüge ins Meer geworfen. Astiz hat stets angegeben, er wisse nichts von diesen Flügen.

Nach Meinung der Staatsanwaltschaft spielte Asitz jedoch eine wichtige und perfide Rolle bei der Verfolgung von Gegner der Diktatur. Er hatte sich unter dem Namen Gustavo Niño als Angehöriger eines verschwundenen Dissidenten ausgegeben. So erschlich er sich den Zugang zu einer Gruppe der Müttern der Plaza de Mayo, die sich in einem Stadtviertel am Rand von Buenos Aires in der Kirche Santa Cruz trafen und nach ihren verschwundenen Männern und Kindern suchten. Im Dezember 1977 griffen die Militärs zu. Zwölf Menschen wurden verschleppt, darunter die beiden Nonnen und Azucena Villaflor de Vincenti.

1990 wurde Astiz wegen des Mordes an den zwei Nonnen von einem französischen Gericht in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Von einem italienischen Gericht wurde er 2007 wegen der Ermordung italienischer Staatsangehöriger ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Auslieferung hatte Argentinien wiederholt abgelehnt.

Astiz profitierte jahrelang von den Amnestiegesetzen und den von Präsident Carlos Menem erlassene Begnadigungsdekreten. Im Juni 2005 bestätigte der Oberste Gerichtshof allerdings die Aufhebung der Amnestiegesetze und machte damit den Weg für die juristische Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen frei.

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