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Prolog zum globalen Kapitalismus

Jürgen Osterhammel über die »Verwandlung der Welt« im 19. Jahrhundert

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Der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel hatte sich Unmögliches vorgenommen: eine Weltgeschichte eines ganzen Jahrhunderts zu schreiben. Herausgekommen ist ein Mosaik des 19. Jahrhunderts, das Maßstäbe setzt.

Eine allgemeine Weltgeschichte auch nur einer Epoche zu schreiben, sei trotz ihrer Notwendigkeit unmöglich, hatte Leopold von Ranke vor mehr als hundert Jahren prognostiziert. Als sollte der große alte Mann der Geschichtswissenschaft vorgeführt werden, sind in den letzten Jahren bereits zwei gelungene Versuche zu dem Jahrhundert erschienen, in dem dieser selbst gewirkt hatte. Nachdem der britische Historiker Christopher Bayly das »lange 19. Jahrhundert« (Eric J. Hobsbawm) zwischen den Revolutionen in Amerika und Frankreich und dem Ersten Weltkrieg als die »Geburt der modernen Welt« beschrieben hatte, in der sich – vorangetrieben durch Industrialisierung und Kolonialismus – eine Annäherung der Lebenswelten auf dem gesamten Globus eingestellt habe, hat der in Konstanz lehrende Jürgen Osterhammel ein etwas vorsichtiger argumentierendes, aber umso epochaleres Werk unter dem Titel »Die Verwandlung der Welt« vorgelegt.

Im Gegensatz zu Bayly verfolgt Osterhammel keine große Erzählung. Es ist sein Zweifel daran, ob es überhaupt möglich sei, »die Dynamik einer Epoche in einem auf Ganzheitlichkeit zielenden Schema zu erfassen«, die Osterhammels Porträt des 19. Jahrhunderts von vornherein als Mosaik der großen Themen des »Jahrhunderts der Beschleunigung« hat entstehen lassen. Dabei wird mit diesen durchaus unterschiedlich verfahren. Während einige – darunter Themenfelder wie Migration, Urbanisierung, Nationalstaatsbildung oder die Revolutionen des Jahrhunderts – in voluminösen Kapiteln von jeweils etwa 100 Seiten in einer Dichte und auf einer Höhe des Forschungsstandes dargestellt werden, die jeder Monographie zur Ehre gereichen würde, wird im Abschnitt »Themen« auf der Hälfte des Platzes eine eher essayistisch formulierte Diskussion einzelner Aspekte geführt. Auch wenn es teilweise kaum nachvollziehbar ist, warum etwa der Entwicklung der Arbeitswelt, der Kommunikation, von Verkehr, Religion und Wissenschaft, vor allem aber der Industrialisierung ein geringerer Rahmen eingeräumt wird, so sind gerade bestimmte Zuspitzungen in diesen Kapiteln für den Leser angesichts der berührten Breite und des Umfangs des Lesestoffes ausgesprochen hilfreich.

Dass das Ganze dabei nicht zu einer Enzyklopädie verkommt, liegt an einer durch Selbstreflexion, Zeit und Raum gekennzeichneten Klammer, die der Autor in den drei als »Parameter für alles Folgende« bezeichneten einleitenden Kapiteln umreißt. Zentral für die weiteren Argumentationen ist dabei, dass sich Osterhammel im Gegensatz zu Bayly von Hobsbawms mittlerweile zum Allgemeingut gewordener Kategorie des »langen 19. Jahrhunderts« löst. Nicht etwa als Jahrhundert der »Durchsetzung des Kapitalismus« erscheint es hier, sondern als Epoche der Vorbereitung des Sprunges in den modernen und globalen Kapitalismus, nicht als Moderne, sondern als regional zeitlich und sachlich divergierende Modernisierung. Ausschlaggebend dafür ist vor allem der globale Blick Osterhammels. Zwar gesteht er zu, dass kein anderes Jahrhundert ähnlich stark von einem Kontinent bzw. Kulturkreis geprägt wurde wie das 19. durch die Europäer, doch könne bis in das letzte Quartal des Jahrhunderts von global wirksamen Ereignissen, die Periodisierungen begründen könnten, keine Rede sein. So sei selbst die Französische Revolution in den meisten Teilen der Welt nicht einmal bemerkt worden.

Aus diesen Erkenntnissen, die sich in den einzelnen Darstellungen wiederfinden, ergibt sich dementsprechend auch eine sehr vorsichtige Periodisierung. Für die nach vorn offene Zeit bis 1830 übernimmt Osterhammel den von Reinhard Koselleck geprägten Begriff einer Sattelzeit als regional zu verschiedenen Zeitpunkten begonnene und unterschiedlich ausgeprägte Epoche des Übergangs zum Nationalstaat, der Ausbildung der »weißen« Vorherrschaft und teilweisen verfassungsstaatlichen Reformen der Ständegesellschaft. Für das eigentliche 19. Jahrhundert empfiehlt er statt von einer Blütezeit des Kapitals oder einem Aufstieg des Bürgertums zu reden, den aus der Mode gekommenen Terminus »Viktorianismus« zu nutzen, angesichts der politischen und wirtschaftlichen Hegomie von England. Den Freihandel allerdings zum dominierenden Aspekt dieser Zeitspanne erklären zu wollen, sei völlig verfehlt, da es sich lediglich um »ein Geschöpf der britischen politischen Elite« gehandelt habe, das nur auf dem Binnenmarkt Wirkung habe entfalten können.

Die Industrialisierung außerhalb Englands und weniger europäischer und nordamerikanischer Enklaven und die Herstellung einer auf Lohnarbeit beruhenden und sich von einer Ständegesellschaft allerdings sehr langsam wegbewegenden sozialen Ordnung, die zudem über den Kolonialismus ein von europäischen Ansichten geprägtes Bild in die Welt trug, war nach Osterhammel erst ein Projekt des Fin de Siècle seit 1870. Allerdings bleibt er auch hier vorsichtig. »Man wird den Begriff des ›globalen Kapitalismus‹ für die Zeit nach 1945 oder gar nach 1970 reservieren müssen«, so sein Fazit. Und »doch waren um 1913 in verschiedenen Ländern nationale Kapitalismen mit globalem Aktionsradius entstanden«.

So endet Osterhammels »langes Jahrhundert« wie es begonnen hat: zeitlich offen. Irgendwo zwischen Erstem Weltkrieg und der »Scharnierperiode« der Zwanziger Jahre wird eine »Ära entstehender Globalität« beendet, deren »erstes Datum von wahrhaft globalem Gewicht« die Weltwirtschaftskrise von 1929 markiert.

Die Merkmale, die Osterhammel zusammenfassend für das 19. Jahrhundert benennt – asymmetrische Effizienzsteigerung, gesteigerte Mobilität, interkulturelle Wahrnehmungen, zunehmende (Rechts-)Gleichheit im Innern und Ungleichheit zwischen den Nationen und eine allerdings begrenzte Emanzipation im Sinne von »Auflehnung gegen Zwangsverhältnisse und Entmündigungen« –, brachten Traditionsbestände hervor, ohne die die Übergänge in den globalisierten Kapitalismus und die Herausbildung des bürgerlich-demokratischen Staates kaum verständlich werden können.

Diese bereits mehrfach preisgekrönte Darstellung setzt vor allem durch ihren Kenntnisreichtum noch für längere Zeit Maßstäbe. Sie stellt manches bisher sicher Geglaubte in Frage und bietet viele Anregungen zum Weiterdenken.

Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. Verlag C.H. Beck, München. 1568 S., geb., 49,90 €.

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