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Das Erbe und der Stil

Dresden: Kunstausstellung Kühl – eine ungebrochene Tradition

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 4 Min.

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Fünfundachtzig Jahre, vom vergangenen ins gegenwärtige Jahrhundert – ein überschaubarer Zeitraum. Auf eine solche Spanne des Bestehens können Kunstgalerien jedoch selten zurückschauen. Zumal im Osten Deutschlands, und schon gar nicht, wenn es sich um eine private im Osten handelt. Die Kunstausstellung Kühl in Dresden ist die einzige, die hier über alle politischen Systeme hinweg in Privatbesitz ist. Eine Legende. Fünfundachtzig Jahre, drei Generationen – ein Leitbild.

Nach Heinrich Kühl, der die Galerie 1924 gründete und mutig über die Zeit des Nationalsozialismus brachte, nach dessen Sohn Johannes Kühl, der das Unternehmen 1962 vom Vater übernahm, durch schwierige Gewässer wie Formalismusdiskussion und Kunstausverkauf für Devisen schiffte (und das als einziges seiner Art nicht verstaatlicht wurde), hat Sophia-Therese Schmidt-Kühl vor fünfzehn Jahren, seit dem Tod ihres Vaters Johannes Kühl, das Erbe übernommen. Ein Erbe hoher ästhetischer Werte, eins der Vermittlung höchst niveauvoller Kunst. Entdecken, verständnisvolles Fördern, aufmerksames Begleiten von Künstlern lautet die Devise des Hauses. Und so ist es nicht erstaunlich, dass ihm so mancher bedeutsame Nachlass anvertraut wurde. Und Reichtum und Glanz der Künstlerschaft haben andererseits den Förderer und Vermittler mit dem Leuchten einer Aura umgeben. Auf Seiten der Kunstinteressierten, der Sammler weit über Dresden hinaus wuchsen Bindungen durch geistigen Austausch, Anregung, Beratung – wechselseitige Bereicherungen.

Dass heutzutage Galerien den Künstlern Türöffner auf den Kunstmarkt sind, ist nichts Besonderes. Auch nicht die Verbindung Galerie – Museum. Die Lage für Museen in der DDR war kompliziert und um ein Mehrfaches unter ungünstigen Voraussetzungen gerade in Dresden. Und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die nach der Aktion »Entartete Kunst« und nach dem Krieg große Verluste hinzunehmen, Neues aus dem Nichts heraus aufzubauen hatten und Lücken in der Sammlung zu schließen suchten, hatten in Johannes Kühl einen Partner. Sie erwarben von ihm beispielsweise Werke der »Brücke«-Künstler und umgekehrt entdeckte er ihnen unter anderen einen Dieter Goltzsche, einen Claus Weidensdorfer. Museen in Berlin, Leipzig, Altenburg gab er Hinweise auf wichtige Werke, räumte ihnen Vorverkaufsrechte ein. Selbst Künstler, gab er anderen eine Chance, auch jenen großen Talenten, die in der frühen DDR Ausstellungsverbot hatten wie die geometrisch-konstruktivistisch arbeitende Inge Thiess-Böttner.

1999 in der Nordstraße 5 nahe dem alten Standort unweit des Dresdner Zentrums wurde die Kunstausstellung Kühl in einer Villa des ehemaligen Preußischen Viertels wiedereröffnet. Sophia-Therese Schmidt-Kühl bewies Mut in einer Zeit, da die Konkurrenz auf dem Kunstmarkt explosionsartig gewachsen war. Das Niveau, der Anspruch, von Vater und Großvater vorgegeben, wollte gehalten werden, ohne im Etablierten zu erstarren. Mit Charme und Stil, beruhend auf Übersicht, Fleiß, ästhetischer Bildung und Erfahrung, das heißt, mit dem »Auge für Qualität«, ging sie den Weg.

Sie hat offensichtlich getan, was Goethe meinte: »Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten.« Das Geschick der Galeristin: Sie macht für den Besucher in lichtdurchfluteten Räumen, mit diesem und jenem Stück erlesenen, wohnlichen Mobiliars ausgestattet, Nähe zu den ausgestellten Werken – ob Malerei, Grafik, Plastik – erfahrbar. Ihr Stil, der sich in jeder der etwa sieben Ausstellungen jährlich niederschlägt: Leidenschaft, Ernsthaftigkeit, Kennerschaft. Immer auffallend: die Bündigkeit in Hängung und Arrangement der Kunst im Raum.

Die Jubiläumsausstellung zeigt bildende Kunst des 20. Jahrhunderts, vor allem die klassische Dresdner Malschule – Kurt Querner, Hans Jüchser, Willy Wolf beispielsweise – und Gegenwartskunst mit regionalem Bezug, wie es dem für jede Stilrichtung offenen Galerieprofil entspricht. Ob Leonore Adler (Jg. 1953) mit ihren traumhaft zarten, fantastischen Hymnen auf friedliche Natur, Lothar Beck (Jg. 1953) mit strenggeformten Steinen, Gerda Lepke (Jg. 1939) mit ihren flirrenden Liniengeflechten, Anna Leonhardt (Jg. 1981) mit ihren leuchtkräftigen Gemälden, Stephanie Marx (Jg. 1975) mit ihren eindrücklichen Holzschnitten der Vergänglichkeit oder Ute Großmann (Jg. 1960) mit ihren außergewöhnlichen Gefäßen und fantastischen Figuren in Rakukeramik. Heinz Zander (Jg. 1939) mit seiner Radierung »Flugschule« beschließt das Alphabet in der langen Liste der Künstler, die in der Jubiläumsausstellung vereinigt zu sehen, geglückte Bilanz und Vorgeschmack auf Folgendes in einem sind.

85 Jahre Kunstausstellung Kühl, Jubiläumsausstellung, Teil II, Künstler der Galerie. Bis 30.1., Di-Do 11-18, Fr 11-19, Sa 10-14 Uhr (24.12. bis 4. 1. geschlossen).

www.kunstausstellung-kuehl.de

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