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Freifahrtschein für Atommüll

Das Zwischenlager in Ahaus erwartet Abfalllieferungen / Behälter aus La Hague kommen erst ab 2015

  • Von Michael Schulze von Glaßer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das Atommüllzwischenlager im münsterländischen Ahaus wird in den nächsten Jahren Ziel Hunderter Behälter mit strahlendem Abfall sein. Die Transporte aus dem französischen La Hague sollen, anders als bisher angenommen, erst 2015 rollen.
In den nächsten Jahren werden Unmengen Atommüll ins Zwischenlager Ahaus rollen.
In den nächsten Jahren werden Unmengen Atommüll ins Zwischenlager Ahaus rollen.

Anti-Atom-Initiativen aus dem Münsterland bereiten momentan zahlreiche Protestaktionen gegen kommende Atommülltransporte ins Atomzwischenlager Ahaus, rund 45 Kilometer nordwestlich der Stadt Münster, vor – sie werden einen langen Atem haben müssen.

Anfang November erteilte die zuständige Bezirksregierung Münster der antragsstellenden Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) die Genehmigung zur Einlagerung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle aus deutschen Atomkraftwerken für einen Zeitraum von zehn Jahren. Nun darf in Ahaus sogar eine höhere Strahlenmenge als im maroden Versuchsendlager Asse eingelagert werden. Wie kürzlich bekannt wurde, werden bald wohl auch Core-Bauteile – kontaminierte Bauelemente aus dem Innern von Atomreaktoren – aus einer Konditionierungsanlage der GNS in Karlsruhe ins Ahauser-Zwischenlager gebracht. Das erstmals auch Atommüll aus einer GNS-Anlage in Duisburg nach Ahaus transportiert wird, bezeichnete Michael Köbl, Sprecher des Unternehmens, als »ziemlich sicher«. Die ersten Transporte sollen ab Anfang 2010 ins Zwischenlager Ahaus, dessen Betreiber ebenfalls die GNS ist, rollen.

Für Verwirrung sorgten Meldungen über Atommülltransporte aus Jülich bei Aachen: Im September 2009 beantragte die GNS die Einlagerung von 152 Castor-Behältern aus dem 1988 stillgelegten Versuchsreaktor Jülich. Die Kugelbrennelemente in den Castoren sollen laut einem ehemaligen Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich aufgrund unkontrolliert hoher Temperaturen im Innern des Jülicher-Reaktors und der langen Betriebszeit von 21 Jahren extrem verstrahlt sein – diese Theorie wird von offizieller Seite bestritten. Eine Genehmigung für die Einlagerung des hochradioaktiven Mülls in Ahaus liegt noch nicht vor, laut einem Sprecher des Forschungszentrums werden die Transporte keinesfalls 2010 fahren. Die Lagerung der 152 schon befüllten Castor-Behälter auf dem Gelände des Jülicher Forschungszentrums ist allerdings nur bis Mitte 2013 genehmigt.

Dennoch ist nicht auszuschließen, dass schon Anfang 2010 radioaktives Material von Jülich nach Ahaus transportiert wird: die GNS betreibt in Jülich – das in Nordrhein-Westfalen liegt – die »Landessammelstelle für radioaktive Abfälle Niedersachsen«. Diese befindet sich auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich, hat aber nichts mit dem dortigen Atomreaktor und den Castor-Behältern zu tun. Die schwach- und mittelradioaktiven Stoffe aus der Landessammelstelle fallen unter die schon erteilte Genehmigung der Bezirksregierung Münster.

Neuigkeiten gibt es auch zu Transporten aus Frankreich: Entgegen ersten Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz und einem 2006 gestellten Genehmigungsantrag der GNS werden die rund 150 Atommüllbehälter aus der französischen Wiederanreicherungsanlage La Hague nicht ab 2011, sondern frühestens ab dem Jahr 2015 nach Ahaus rollen. Die Rückführung des deutschen Atommülls aus Frankreich wird sich laut GNS über mehrere Jahre ziehen – Atomkraftgegner rechnen mit mindestens einem halben Dutzend Castor-Zügen. Noch sind die La-Hague-Transporte aber nicht genehmigt. Warum sich die Transporte verzögern – ob es beispielsweise Probleme mit den neuen Behältern vom Typ TGC 36 gibt – ist unbekannt.

»Für die Menschen in Ahaus und im Münsterland ist diese vierjährige Verschiebung eine gute Nachricht. Doch GNS und BfS müssen nun erklären, warum es zu dieser erheblichen Verzögerung kommt: Gibt es Probleme bei der Konstruktion, Erprobung oder sicherheitstechnischen Abnahme der neuartigen Castor-ähnlichen Behälter TGC 36? Gibt es in La Hague betriebsinterne Probleme? Gibt es Probleme mit dem Atommüll selbst? Wir erwarten hier rasche Antworten,« fordert Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis »Münsterland gegen Atomanlagen«.

Gegen die kommenden Atommülltransporte rufen Anti-Atom-Gruppen für den 20. Dezember bundesweit zur Demonstration »Atommülltransporte nach Ahaus stoppen – Atomausstieg jetzt!« ins münsterländische Ahaus auf.

Demo-Endspurt

Kurz vor Jahresende zeigt die Anti-Atom-Bewegung noch einmal Flagge. Für dieses Wochenende sind Demonstrationen, Sonntagsspaziergänge und »Flashmobs« geplant.

Bereits am Freitagabend protestierten Umweltschützer mit einem Fackelzug am geplanten Endlager Schacht Konrad. Das Bundesverfassungsgericht hatte kürzlich die Beschwerde eines Landwirts aus Salzgitter abgeschmettert und den Bau der Lagerstätte genehmigt.

Heute (Samstag) sind »Flashmobs« in mehr als 50 Städten angekündigt. Seit Anfang Dezember demonstrieren Atomkraftgegner mit den Aktionen gegen längere AKW-Laufzeiten, bei denen die Teilnehmer am Samstagmittag in Fußgängerzonen und auf Plätzen den scheinbaren Strahlentod erleiden.

Atomgegner wollen ebenfalls heute in Magdeburg Tausende Einwendungen gegen die Stilllegungspläne für das Endlager Morsleben beim sachsen-anhaltinischen Umweltministerium abgeben. Das Bundesamt für Strahlenschutz will Morsleben mit Beton verschließen. Umweltschützer warnen vor großen Risiken, weil dann die Abfälle nie mehr zugänglich wären.

Eine Demonstration ist für morgen in Ahaus angekündigt. Das dortige Zwischenlager soll schon bald wieder Zielort für Atommülltransporte sein. Auch in Biblis wird am Sonntag demonstriert. Der Atomstromkonzern RWE versucht, die beiden maroden Reaktorblöcke Biblis A und B vor einer dauerhaften Abschaltung zu bewahren. »Nur mit Tricks und tatkräftiger Unterstützung durch die hessische Landesregierung hat RWE es geschafft, das AKW in Biblis am Leben zu erhalten«, erklären die örtlichen Initiativen. Am Atommülllager Asse sind ein »Sonntagsspaziergang« und eine Andacht angekündigt.
Reimar Paul

Weitere Informationen: www.kein-castor-nach-ahaus.de

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