Von Sybille Gurack
Brandenburg

Die Asche des Abwasserrebellen

Eberhard Paul aus Petershagen starb nach einer Vollstreckung wegen Trinkwassergebühren

Noch vor dem Fest wird Dietgard Paul die Asche ihres Mannes auf eine Streuwiese bringen. Eins mit der Natur – konsequent bis zum Schluss. Der streitbare Abwasserrebell Eberhard Paul verstarb am 1. Dezember unmittelbar nach einer versuchten Vollstreckung in seinem Haus an Herzversagen (ND berichtete).

»Dein Tod soll nicht umsonst gewesen sein! Wir machen weiter!« Selbst gewundene Kränze mit dieser und ähnlichen Beileidsbekundungen inklusive Kampfansage befinden sich auf dem Friedhof Petershagen in Märkisch-Oderland. Hier fand kürzlich der Gedenkgottesdienst für den »Abwasserrebellen« Eberhard Paul statt. Zirka 150 Verwandte, Freunde und Mitstreiter waren gekommen.

Der Witwe gingen in den letzten Tagen einige Hundert Briefe, Faxe und E-Mails aus ganz Deutschland zu. Die Invalidenrentnerin steht unter Schock, ist zum Trauern noch nicht gekommen. »Wir müssen das Volk von den Gardinen weg holen, dass es auf die Straße geht«, sagt sie. »Wir müssen uns wehren. Es geht doch nicht nur um Gebühren bei Wasser und Abwasser, sondern um das Geld, das uns die Schornsteinfeger abnehmen, um Müllgebühren und und und…«

Der Tod des Rebellen wirft auch Fragen auf. Peter Kammerer, der Betreuer des Webprojektes paul-aus-petershagen.de rüttelt auf der Internetseite am Gewissen all jener, die sich »in der Kette der handelnden Personen« befanden und nicht die Notbremse gezogen haben. Er unterstreicht ihre moralische Verantwortung für den Tod des 58-Jährigen.

Johannes Madeja, Freund und Mitstreiter, sprach am Sarg die letzten Worte: »Ein Mann, der das Wasserwerk nicht braucht, der kein Abwasser hat, der alle Abfälle verwertet und der mit Energie in jeder Form sparsam umgeht, der passt nicht in das Klischee der Konsumgesellschaft. Ein Mann, der darauf Wert legt, dass unsere Landschaft nicht verschandelt wird, weder durch Windkraftanlagen noch durch Freileitungen, hat viele Gegner. Wer gar gegen das Schornsteinfegermonopol aufsteht, der rüttelt an Grundfesten. Ein solcher Mann stört das System«.

Madeja brachte Goethes Zauberlehrling als Gleichnis. Der habe auch den fleißigen Wasserträger mit der Axt erschlagen, weil er die Zauberformel nicht wusste. Auch im Falle von Eberhard Paul sei zur Axt gegriffen worden. Die Axt heiße »Ordnungsverfügung, Gerichtsbeschluss, Ersatzvornahme, Zwangsvollstreckung und Haftbefehl. Damit haben sie unseren Eberhard erschlagen«.

Tatsächlich war Eberhard Paul am 1. Dezember wieder mit einer möglichen Inhaftierung zur Erzwingung der eidesstattlichen Versicherung konfrontiert. Bezahlt werden sollten 101,82 Euro Trinkwasser für die Zeit vom 1. bis 31. August 2008 plus Vollstreckungskosten und Zinsen. Macht zusammen 278,64 Euro.

Eberhard Paul bezahlte an dem Tag unter höchstem Druck die Summe für das Wasser, das er nie benötigte, weil er eine eigene Hauswasseranlage hat. Er gab der Plünderung unter Protest nach, wie er es selbst unmittelbar vor seinem Tode in einer Rundmail formulierte. Seine letzten Sätze: »Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren, soeben sollte ich aufgrund des gefälschten Haftbefehls verhaftet werden. Ich musste mich der völkerrechtswidrigen Plünderung unterwerfen und gesetzwidrige Kosten bezahlen. Zum einen für ein gerichtliches Mahnverfahren, zu dem ich fristgerecht Widerspruch eingelegt habe und ein Gerichtsverfahren anhängig ist...« Da lag sein Kopf auf der Tastatur.

Für Pauls behinderte Frau geht der Kampf nun weiter. Wie wird sich das Landeskriminalamt verhalten? Paul stellte noch am 30. November Strafanzeige gegen die Obergerichtsvollzieherin in Strausberg. Benannte Gründe sind eine »deutliche Manipulation der Unterschrift auf dem Haftbefehl, Vollstreckung ohne rechtskräftigen Titel, Aussageerpressung, Nötigung, Verstoß gegen Völkerrecht, Plünderung, Hochverrat gegen den Bund u.a.m.«

Madeja betont:« Wenn die denken: na, jetzt gibt es einen weniger von der Sorte – dann haben sie sich getäuscht. Die Tragödie scheint viele aufgerüttelt zu haben.« Er verdeutlicht die Sachlage weiter mit Goethes Hilfe: »Eberhard Paul war kein Lehrling, er war kein Wasserträger. Eberhard war der Meister. Er kannte die Zauberformeln und hat sie auch immer wieder genannt. Sie heißen Nachhaltigkeit, Vernunft, Menschlichkeit, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Gesetzestreue. Der Meister ist tot. Ist er tot? Nein! Er ist nicht tot, er ist uns nur vorausgegangen, so wie er es immer getan hat. Er lebt in uns weiter. Jetzt werden wir ihnen, den Gesetzlosen und den Gesetzesbrechern, die Zauberformeln von Eberhard aufsagen, so lange, bis sie endlich begriffen haben.«

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