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Faultier und Biene

Eine Ausstellung über Sinn und Sorge der Arbeit im Dresdner Hygiene-Museum

  • Von Sebastian Hennig, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.

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In Dresden setzt sich eine Ausstellung mit dem Thema »Arbeit« auseinander. Die Exposition konzentriert sich auch auf Perspektiven des Individuums, auf die Funktion von Arbeit als einer sinnstiftenden Tätigkeit.
Beginn des Rundgangs im »Freiraum«
Beginn des Rundgangs im »Freiraum«

Eingangs der Ausstellung ist Bienensummen zu hören. An der Wand hängt ein präpariertes Faultier. Immerhin, dessen Muskeln müssen doch irgendwie angespannt sein, um so das Holz zu umklammern und kopfunter das Gewicht des Körpers wie eine reife Frucht abhängen zu lassen. Faultiere sind eigentlich nicht faul, sie gehen mit ihrer Kraft auf bewundernswerte Weise haushälterisch um. Das Faultier wird eher als eine eigenständige Kreatur erfahren, nicht als eine Funktionsweise, wie die Bienen.

Was die Biene ausmacht, bedenken wir mehr, als das wir es sehen können. Allenfalls im Herbst wird es deutlich, wenn die Folgen ihres Befruchtungswerkes von den Bäumen leuchten und duften. Ist die Gestalt der Biene überhaupt im Einzelwesen ausgesprochen oder wird sie nur im Volk erfahrbar? Du, Biene, bist nichts! Dein Volk ist alles! Einer unstatthaften Vermenschlichung kann das Faultier als Kulturträger und die Biene als Technologieträger erscheinen. Beide arbeiten nicht. Wie Adam und Eva im Paradies vor dem Sündenfall bestätigen sie mit ihrem Verhalten die gegebene Ordnung der Dinge. An dieser Ordnung rüttelt der Arbeiter, bis er sie vielleicht eines Tages gänzlich zerrütten oder durch eine kosmische Werkstättenlandschaft ersetzen wird, wie sie Ernst Jünger in seinem Essay »Der Arbeiter« in Aussicht stellt.

Die Autoren der Ausstellung haben eine »Dingspur« durch fünf thematische Räume gelegt. Elementare Gegenstände wie Krug, Schuh, Hammer und Papier stehen zuerst in einem »Freiraum« als unkonkrete Einheiten im Schattenriss vor dem Auge. Von Raum zu Raum werden dann diesen Objekten spezifische Zuordnungen angeheftet. Über den Hammer heißt es: »Sein Schlag verändert die Welt – Weltveränderung ist die von Hegel gelieferte Elementardefinition von Arbeit.« Jeder ist seines Unglückes Schmied. Doch der Hammer ist nicht nur ein Arbeitsinstrument, sondern auch eine Waffe. In der Vitrine ist neben verschiedenen Spezialhämmern auch ein Mordhammer aus der Polizeihistorischen Sammlung in Berlin zu sehen. Am Ende der Reihe liegt ein nutzloser Dachdecker-Ehrenhammer, den Erich Honecker als Geburtstagsgeschenk erhielt. Eine lückenlose Reihe von Ausweisdokumenten und Diplomen weiß nichts Eigentliches über den Lebenslauf eines Menschen mitzuteilen. Die Papier-Spur umweht das Nichts.

Eine tiefsinnige, beziehungsreiche Beliebigkeit, ein postmodernes Memory-Spiel wird in der Ausstellung dem geduldigen Konsumenten geboten. Der Ausstellungsbesucher ist schon dankbar, wenn er während des Umschaltens zwischen verschiedenen Filmsequenzen einige Schritte gehen kann. Dabei sind die Auskünfte, die man auf den zahlreichen kleinen Monitoren von den unterschiedlichsten Erfahrungen erhält, durchaus bemerkenswert. Die »Dingspur« Krug führt vorbei an einer attisch-schwarzfigurigen Halsamphore mit Sisyphosdarstellung von 510 vor Christus. Ebenso wie die Silberkanne eines Augsburger Goldschmiedes aus dem Grünen Gewölbe repräsentiert sie jene symbolische Sinnverdichtung, die nur im Kunstwerk gelingen kann. Zudem gibt es eine Schreckenskammer. In einem runden Raum mit größeren Bildschirmen bestückt verkünden »Arbeitsexperten« ihre Weisheiten.

Die Ausstellung ist der Schlusspunkt des Programms »Arbeit in Zukunft«, das von der Kulturstiftung des Bundes organisiert wird und in dessen Rahmen Theater- und Filmvorführungen, Lesungen und Diskussionen stattfanden. Auch die Bundesagentur für Arbeit hat die Ausstellung gefördert, die mehr als über ihr Thema über sich selbst und ihre Motive nachdenklich, ja bedenklich, macht. Vielleicht kann die dickleibige Broschur des Ausstellungskataloges diese ungeordneten Eindrücke nachbestimmen helfen.

»Arbeit – Sinn und Sorge« bis 11. April 2010 im Deutschen Hygiene Museum Dresden, Lingnerplatz 1, Di-So 10-18 Uhr

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