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Wissenschaft nicht nötig

Volkhard Knigge kritisiert Besetzung

Erfurt (ND-Engelmann/dpa). Die ehemaligen Stasi-Häftlinge der Erfurter Andreasstraße werden an der Gedenkstättenarbeit zur DDR-Geschichte gleichberechtigt beteiligt. Das ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen Vertretern des Vereins Freiheit und Kultus-Staatssekretär Thomas Deufel am Dienstag in Erfurt. Noch im Januar solle auf der Grundlage von Vorschlägen des Vereins ein unterschriftsreifer Kooperationsvertrag zur geplanten Erinnerungsstätte vorliegen, der die Mitwirkung der Betroffenen regelt, teilten beide Seiten mit. Die Besetzung werde bis zum Vertrag fortgeführt, der Hungerstreik eines Häftlings jedoch nach einem Mehrheitsbeschluss am fünften Tag beendet, sagte der Vereinsvorsitzende Joachim Heise.

Kritik an der Aktion kam vor der Einigung von Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Der Historiker nannte die Besetzung »völlig überzogen«. Die früheren Inhaftierten fürchteten, sie würden zu wenig in die Betreibung der Gedenkstätte einbezogen. »Wir wurden seit Sommer 2009 aus den Gesprächen ausgeschlossen«, erklärte Heise.

Seit 1999 bemüht sich die Gesellschaft für Zeitgeschichte um die Erhaltung des einzigen Stasi-Gefängnisses in Thüringen. 2004 verhinderte sie, gemeinsam mit der Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit, Hildigund Neubert, den Abriss. Durch Projekte und Ausstellungen kamen in den folgenden Jahren immer mehr ehemalige Inhaftierte dazu, die 2007 den Verein »Freiheit e.V.« gründeten. 2009 gab es einen Beschluss der damaligen CDU-Landesregierung, nach dem die Stiftung Ettersberg die Trägerschaft für die Gedenkstätte übernehmen sollte. Mit »Freiheit e.V.« war ein Kooperationsvertrag vorgesehen. Der kam zunächst nicht zustande, weil sich der Verein sperrte. Stattdessen soll nun die seit Juli 2009 existierende Thüringer Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Träger werden. Vor allem soll sie die zersplitterte Gedenkstättenlandschaft koordinieren und einen Geschichtsverbund einrichten. Im Beirat sollen die Aufarbeitungsinitiativen sitzen. Einige Mitglieder von »Freiheit e.V.« haben jedoch Angst, sie würden ausgebootet – aufgehetzt von der Stasi-Landesbeauftragten, munkelt man in Erfurt.

Spekuliert wurde, dass Hildigund Neubert einem inzwischen SPD-geführten Kultusministerium nicht traute. Mag sein, dass die Landesbeauftragte die Kontrolle über die Aufarbeitung im Freistaat an sich reißen wollte. Die »Schrecken der DDR« dürften »nicht wissenschaftlich übertüncht und nivelliert werden«, wurde sie zitiert.

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