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Ironische und harte Facetten Vietnams

Die ifa-Galerie zeigt Werke von elf zeitgenössischen Künstlern

Eine Installation von Dinh Q. Le: Gendefekt im Regal
Eine Installation von Dinh Q. Le: Gendefekt im Regal

Vietnam ist nah, Vietnam ist weit. Einst war der Vietnamkrieg der Referenzpunkt für die Linken. Heutzutage ist das Land, in dem er tobte, vor allem durch die von dort stammenden Migranten, die jetzt ihr Leben als Verkäufer von Schmuggelzigaretten und preiswerte Blumenhändler fristen, im Berliner Alltag präsent. Eine andere Facette Vietnams stellt derzeit die ifa-Galerie in der Linienstraße in Mitte vor.

Elf zeitgenössische Künstler sind an der Überblicksausstellung »Connect: Kunstszene Vietnam« beteiligt. Es handelt sich nicht nur um die ganz jungen, in der Zeit der Öffnung gegenüber dem Westen herangewachsenen Künstler, sondern auch um bereits in den 50er Jahren geborene und die gesellschaftlichen Wandlungen am eigenen Leib verspürt habende Maler. Dieser über die Generationen hinaus greifende Ansatz ist bei den »Entdeckern« bisher unterrepräsentierter Kunstszenen eher selten. Der ifa-Galeristin Barbara Barsch gebührt für diese Auswahl daher ein Kompliment. Interessanterweise ist der Künstler, der die direkteste Verbindung zu dem, was im Abendland für lange Zeit die Beschäftigung mit Vietnam dominiert hat, herstellt, erst einige Jahre nach dem historischen Friedensschluss zwischen den USA und Vietnam geboren worden. Ha Manh Thang setzt Soldaten der Volksbefreiungsarmee im Pop-Art-Stil auf Leinwände. Er überzieht die realistisch dargestellten Gestalten mit einer Schicht von visuellen Störungen und schafft so eine Distanz zu ihnen. Ausschnitte aus grünen Wäldern, in Rot gehaltene traditionelle Gebäude und Ornamente am Himmel ergänzen die Kompositionen. Der 29jährige Maler will jedoch nicht als Viet-Pop- Art-Vertreter wahrgenommen werden. Vielmehr versucht er mit einem Rückgriff auf einen längst vergessenen Bildraum die schnelllebige Gegenwart mit dem Vergangenen zu konfrontieren. Nguyen Minh Phuoc, ein Repräsentant der in den 90er Jahren empor geschossenen Künstlergeneration, ist ebenfalls von diesem Verlangen getrieben. In seiner poetischen Videoarbeit »Rote Etüde« lässt er eine mit zwei roten Fächern ausgerüstete Tänzerin an schwarz-weißen Dokumentaraufnahmen vorbeischweben. Mal wirkt sie wie eine elegante Lenkerin des an ihr vorbeiströmenden Verkehrs, dann wieder wie ein Engel, der sichtbar gedemütigten und drangsalierten Menschen erscheint.

Der härteste Kommentar zum Krieg und seinen Folgen stammt von Dinh Q. Le. Für die Installation »Damaged Gene« stellte er ein Sortiment von Kleidungsstücken für verkrüppelte Kinder her. Manchen Hemden fehlt ein Ärmel. Der in Berlin gezeigte Ausschnitt des Sortiments besteht aus Kleidungsstücken für siamesische Zwillinge. Winzige wollene Jacken sind mit zwei Kapuzen ausgestattet. Hemden haben zwei mit Krägen versehene Öffnungen. Puppen sind nach dem Vorbild siamesischer Zwillinge gestaltet. Die Verkrüppelungen gehen auf Gendefekte zurück, die von dem Entlaubungsmittel Agent Orange verursacht wurden. Agent Orange wurde von der US-Army massenhaft im Vietnamkrieg eingesetzt. Andere Künstler der Ausstellung fallen mit eher ironischen Interventionen auf.

Nguyen Manh Hung baut einen drei Meter hohen Turm aus Wohnbauten, der ein Monument für die Improvisationskunst der Vietnamesen ist. Weitverbreitet ist der Brauch, sich neuen Wohnraum durch provisorische Anbauten in Form von Gitterkästen zu organisieren. Aus Nguyens Turm kragen daher aus Gittern gebaute und mit Stoff und anderen Materialien verhängte Balkone, Schlaf- und Wohnzimmer heraus. Nguyen Thu Ha schließlich kritisiert mit der interaktiven Installation »Yet Kieu« die pedantische Ausbildung in der an der Straße Yet Kieu gelegenen Kunsthochschule. Sie hat Schilder mit der Aufschrift »Jet Kieu-Versager« hergestellt und fordert die Ausstellungsbesucher auf, diese zu benutzen und auf gelben Klebe- Zetteln Kommentare zu hinterlassen.

»Connect: Kunstszene Vietnam« präsentiert einen interessanten Ausschnitt aus dem Kreis der Künstler, der sich vornehmlich an Tendenzen aus Europa und den USA orientiert, mit den so gewonnenen Mitteln aber Fragen an die eigene Gesellschaft stellt. Die Ausstellung wird von einem erstklassigen Katalog begleitet. Er bietet eine Fülle von Informationen zur jüngsten Kunstentwicklung und verweist besonders auf die in Vietnam recht lebendige, im Format Ausstellung aber nur schwer zu zeigende Performance- und Aktionskunstszene. Ausstellung und Katalog machen auf ein Land aufmerksam, dass aus der hiesigen Wahrnehmung fast vollständig verschwunden ist.

ifa-galerie, Linienstr. 139/40, bis 5. April, Di - So 14 - 20 Uhr, Sa 12 - 20 Uhr

www.ifa.de

Bilder der Ausstellung finden Sie hier

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