Hexenkessel der Leidenschaften

»Nachtasyl« von Maxim Gorki im Berliner Ensemble

  • Von Christoph Funke
  • Lesedauer: 4 Min.

Eine Elendsstudie? Wohl nicht. Thomas Langhoff geht bei seiner Inszenierung von Maxim Gorkis »Nachtasyl« am Berliner Ensemble einen anderen Weg. Die armselige Herberge für die Gestrandeten wird bei ihm zu einem Hexenkessel ungezügelter Leidenschaften. Leben steht zur Debatte, wie es ist, wie es sein müsste, Träume und Sehnsüchte entladen sich voller Wut, das Gegeneinander unterschiedlicher Daseinsentwürfe steigert sich bis zu ungehemmter Aggressivität.

Es geht laut zu, sehr laut, nur selten wird Stille und Nachdenklichkeit zugelassen. Im Dunkel, im Abseits, auf dem Grunde lodern die Leidenschaften. In den Menschen, die hier ihre Existenz fristen müssen, stecken Kraft, Fantasie und ein unbändiger Wille zum Widerstand. Und so wird das Geschehen um Spieler und Diebe, um Handwerker und Prediger, um Ausbeuter und Polizisten, nicht zuletzt auch um tragische und komische Liebesaffären zu einem großen Versuch, Halt zu finden, Eigenständigkeit zu wahren, das Ausweglose zu ignorieren, mit feurigen Reden, mit Humor und mit Liedern, mit Wodka auch.

Langhoffs harscher Zugriff auf die vielen lose verknüpften Schicksale im Nachtasyl, die in der Aufführung alles »Russischen« entkleidet sind, überrascht aber doch. In den drei Ebenen der übereinandergestapelten Schlafstätten (Bühne Alexander Wolf) entfacht er einen Überlebenskampf, der Ichsucht und Rücksichtslosigkeit bis ins Extrem treibt – und dann doch wieder in eine fast schon rührende Solidarität mündet. Dieser Gegensatz bestimmt die Inszenierung, der es nicht um das Aufdecken verborgenster seelischer Empfindungen geht, sondern die Größe hervorholen will, in jeder Äußerung, jedem Verhalten.

Armut verliert durch diesen herausfordernden Behauptungswillen an Schrecken, wandelt sich zum befeuernden Abenteuer. An zwei Figuren wird das besonders deutlich. Den Lebemann und Spieler Satin spielt Alexander Lang als eine fantastische Ausgeburt clownesker Verschrobenheit und glanzvoll kindlicher Naivität. Dieser entgleiste »Herr« im schwarzen Anzug mit den weit heraushängenden Manschetten des weißen Hemdes, mit dem ruckenden Kopf, den wie falsch verschraubten Gliedern und einer so boshaften wie liebevollen Hingabe an seine Umwelt lebt in sich mit einer unverrückbaren Sicherheit, staunend, beseligt, aber oft auch tief erschrocken und – fremd.

Christian Grashofs Pilger Luka ist der Gegenpol. Dieser Wandernde zeigt eine mühsame Beherrschtheit, hinter der Neugier steckt, Lust auf Entdeckung an Menschen und ihrem absonderlichen Verhalten. Grashof verzichtet auf den Predigerton, auf Güte, auf Sanftheit. Sein Luka ist ein Versucher, der Geschichten erfindet, pfiffig, ja bewusst irreführend. Er macht Versuche, er experimentiert, er will verstehen, was geschieht, und warum es geschieht.

Auf die Mitbewohner des Asyls üben Satin und Luka in Langhoffs Inszenierung eine vibrierende Anziehungskraft aus. Selbst wenn sie gar nicht anwesend sind, scheinen sie im Durcheinander der an ein zeitgenössisches Obdachlosenheim erinnernden, mit vielen realistischen Details angefüllten Behausung herumzugeistern. Direkt oder indirekt bestimmen sie das Tun und Lassen der anderen »großen« Figuren des 1902 im Moskauer Künstlertheater uraufgeführten Stücks. Zu ihnen gehören der Dieb Wassjka Pepel (Roman Kanonik spielt ihn als Kraftkerl mit einer Spur Begriffsstutzigkeit), der Schauspieler (Roman Kaminski setzt heftige Klage und verbitterte Entsagung ein) und der Baron (Thomas Wittmann zeigt eine Mischung aus Weinerlichkeit und hysterischer Empörung). Neben diesen Bestimmenden und den Frauen behauptet sich in besonderer Weise Axel Werner als Schlosser: Ganz still lässt er diesen fast schon Erloschenen unbeirrbar seinen Weg gehen.

Was vermag der Mensch? Langhoff kann einen Wirbel auf die Bühne bringen, bei dem einem Hören und Sehen vergeht. Er entfesselt pure Kreatürlichkeit, wild und lustvoll zugleich. Und er führt alle widerstreitenden Ansätze, einen Platz zu finden im Leben, zu entrückter Stille, einer fast religiösen Verinnerlichung am Ende des Stücks. Wie hier Alexander Lang, mit vor Andacht und Glücksverlangen glänzendem Antlitz, die so wunderschönen Wunschvorstellungen von der Würde des Individuums in hymnischer Begeisterung auf der Bank stehend vorträgt, behält neben allem glanzvoll Rührendem glücklicherweise auch trotzige Ironie – Weltbeglückung mag vorstellbar sein, zu erreichen ist sie nicht.

Nächste Vorstellungen am 19. und 30. Januar

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