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»Es sind Druckfehler drin«

Vor 150 Jahren wurde Anton Tschechow geboren

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Anton Tschechow 1901
Anton Tschechow 1901

Einmal, berichtet Maxim Gorki, konnte der alte Lew Tolstoi seine Begeisterung kaum zügeln. Aufgeregt, mit Tränen in den Augen sprach er über eine Geschichte Anton Tschechows, der ganz still blieb und aufmerksam zuhörte. Das sei wie Spitze, geklöppelt von einem keuschen Mädchen, erklärte Tolstoi, um dann von den Klöpplerinnen zu erzählen, die ihr ganzes Leben, ihre Träume vom Glück, ihre Liebe in die Muster hineinlegten. Tschechow bewunderte den Romancier, er neigte den Kopf, auf den Wangen rote Flecken, weil er wieder erhöhte Temperatur hatte, er putzte die Brille, schwieg lange, seufzte und quittierte schließlich die Rede leise und befangen mit einem einzigen Satz: »Es sind Druckfehler drin …«

So ist er immer gewesen. Anton Tschechow, der Arzt, der Dramatiker und Erzähler, geboren am 17. Januar 1860 in Taganrog (am 29. Januar nach dem neuen Kalender) und gestorben am 15. Juli 1904 in Badenweiler, hat Autorenstolz nie demonstriert. Er, der die eigene Unzulänglichkeit noch bemerkte, wo andere aus vollem Hals rühmten, blieb zeitlebens mit beiden Beinen auf dem Boden, ein schmächtiger, ewig kränkelnder, ständig hustender Mann mit Nickelbrille und Bärtchen, der sich Bescheidenheit nicht verordnen musste, weil er sie lebte. Weil er daran gewöhnt war, sich nicht allzu wichtig zu nehmen. Weil alles Mühen, aller Erfolg, selbst der spätere Jubel des Theaterpublikums die Zweifel nicht ausräumen konnte, die seine Arbeit begleiteten.

Im Dezember 1887, als er die Anfangssätze seiner Erzählung »Die Steppe« geschrieben hatte, der ersten seiner großen, meisterhaften Prosaarbeiten, tat er die Geschichte als »kleine Lappalie« ab. »Ich schreibe«, heißt es in einem Brief, »und spüre dabei, daß es nicht nach Heu riecht«. Anfang Februar 1888 war er fertig. Er schickte das Manuskript weg und meinte, unzufrieden wie stets: »Drei Viertel der Novelle sind mir mißlungen.« Der Zar der Steppe in unserer Literatur sei Gogol, ergänzte er, und er, Tschechow, sei in sein Reich eingedrungen, habe dabei aber »nicht wenig Unsinn angerichtet«.

Er kokettierte nicht. Schon früh hatte er, aufgewachsen unter der Knute eines Vaters, der die Familie mit seinem religiösen Fanatismus terrorisierte, gelernt, den Mund nicht so voll zu nehmen. Lieber untertrieb er. Als er sich im April 1890 auf die Reise zur Sträflingsinsel Sachalin begab, erklärte er allen Ernstes, er fahre nicht »um der Beobachtungen und Eindrücke willen, sondern einfach, um ein halbes Jahr nicht so zu leben, wie ich bisher gelebt habe«. Es war bestenfalls die halbe Wahrheit.

Natürlich wollte Tschechow, der in seinen jungen Jahren genug Demütigung und Herabsetzung erfahren hatte, der als Arzt jeden Tag der Armut und dem Elend begegnete, vor allem wissen, unter welch unsäglichen Bedingungen die Häftlinge im äußersten Osten Sibiriens dahinvegetierten. Die Zeitgenossen begriffen ihn nicht, sein Verleger, irritiert, meinte, Sachalin sei doch von keinerlei Interesse, und auch die Nachwelt rätselte über seine Motive. Tschechow ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Er fuhr hin und sah sich um. Er war dabei, als man einen Häftling auspeitschte, er kümmerte sich um die medizinische Versorgung, manchmal hatte er vor Entsetzen Mühe zu sprechen. Er machte sich Notizen und schrieb hinterher einen großen Bericht. Sich selber nahm er dabei, wie immer, erst einmal zurück, merkte aber bald, dass es ein Fehler war. Er verzichtete dann doch nicht auf Subjektivität, hütete sich aber, von sich selber, von den eigenen Empfindungen und Gefühlen zu erzählen. Für ihn zählte das Gesehene. Es war schrecklich genug. Es war »die wahre Hölle«.

Tschechow hat beschreiben, nicht belehren wollen. Das Publikum hatte seine liebe Not mit dieser Haltung. Es vermisste die deutliche Kritik, die sichtbare Tendenz. Es saß im Theater und folgte seinen Figuren, im »Kirschgarten«, im »Onkel Wanja«, in den »Drei Schwestern«, es fand Ratlosigkeit und Langeweile, Trübsinn und Verderbtheit, eine müde, larmoyante, kraftlose Gesellschaft ohne Hoffnung und Perspektive, und es wusste nicht recht, was es von all den traurigen, den lächerlichen Gestalten halten sollte. Ein befreundeter Schriftsteller berichtete Tschechow, man habe in seinen Aufführungen geweint. Aber er habe doch seine Stücke nicht geschrieben, erwiderte er, damit etwas Weinerliches herauskomme. Er wollte den Menschen doch sagen: »Schaut euch an, schaut, wie schlecht und langweilig ihr lebt.« Und wenn sie das begriffen haben, hoffte er, »werden sie sich unbedingt ein anderes, besseres Leben einrichten … Ich sehe es nicht, aber ich weiß, es wird anders sein …«

Nein, er sah dieses andere Leben nicht, und er hatte auf seine Fragen auch keine Antworten. Er konnte weder Trost spenden noch Ratschläge geben. Er war wie der Alte in seiner »Langweiligen Geschichte«, dieser wunderbaren Erzählung, der am Ende seines Daseins der vertrauten jungen Frau auf die Frage »Was soll ich tun?« nichts sagen kann, woran sie sich wirklich halten könnte. Ihm bleibt nur das Geständnis: »Auf Ehre, Katja, ich weiß es nicht.«

Tagsüber kümmerte sich Tschechow um seine Patienten. »Die Medizin«, erklärte er, »ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte.« Er war müde und abgekämpft, wenn er abends nach Hause kam und die Arbeit am Schreibtisch begann. Dann erzählte er seine schönen und traurigen Geschichten, erzählte sie mit leiser Stimme und bewundernswerter Sensibilität, sehr genau und mit einer Kraft, der man sich auch heute nicht entziehen kann. Nichts in diesen Arbeiten ist ausgeklügelt, nichts spektakulär. Mit einfachsten Mitteln, mit manchmal äußerster Sparsamkeit und hauchzarter Ironie erzählte er von Liebe, Elend und Lebenssdurst, von geistiger Unruhe und tiefer Hoffnungslosigkeit. Das dahindämmernde Russland ist nirgendwo so bestechend, so atmosphärisch dicht und überzeugend erfasst wie bei ihm, dem faszinierenden Kenner der Provinz.

Er hat, lange unterschätzt, schließlich Bewunderer in der ganzen Welt gefunden. Einer von ihnen, Thomas Mann, hat ihm noch 1954, fünfzig Jahre nach dem frühen Tod Anton Tschechows, in einem großen, berührenden Essay für die sowjetische Zeitschrift »Nowy mir« seine Liebe gestanden. Es wurde eine seiner letzten Arbeiten, und sie endet mit Worten tiefen Einverstandenseins: »Dies Dichtertum hat es mir angetan. Seine Ironie gegen den Ruhm, sein Zweifel an Sinn und Wert seines Tuns, der Unglaube an seine Größe hat von stiller, bescheidener Größe so viel.«

Zum Weiterlesen: Erzählungen von Anton Tschechow sind in mehreren Bänden vom Deutschen Taschenbuch Verlag erhältlich. Eine einbändige Auswahl gibt es vom Aufbau-Verlag (320 S., geb., 16,95 €). Neu im Berlin Verlag ist »Tschechow lesen. Eine literarische Reise« von Janet Malcolm (203 S., geb., 19,90 €).

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