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Mahnung eines besorgten Sorben

Jan Skala: Wer Vertreibungen vermeiden will, muss Kriegstreiberei verhindern

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Jan Skala
Jan Skala

Am 19. Januar 1945 flüchteten fast alle Deutschen in Namslau vor der anrückenden Sowjetarmee. Der sorbische Antifaschist Jan Skala blieb. Er wollte mit polnischen Freunden rasch ein Leben ohne NSDAP und Gestapo in Gang bringen. Doch drei Tage später, am 22. Januar, trafen ihn im schlesischen Dörfchen Dziedzice die tödlichen Schüsse eines betrunkenen Sowjetsoldaten. Einer unter vielen tragischen Vorfällen in den letzten Wochen des Krieges. Tragisch vor allem, weil Skala die Sowjetarmee als Befreier begrüßt hatte. Nun erlebte er die erhoffte Niederlage der Eroberer und Unterdrücker des deutschen Volkes und der Völker Europas nicht mehr. Und die sorbische Minderheit verlor einen klugen Kopf und engagierten Kämpfer für ihre Rechte.

Von 1925 bis 1936 war Skala Chefredakteur der »Kulturwehr« (KW). Das Organ des Verbandes nationaler Minderheiten Deutschlands diskutierte Probleme der Minderheiten, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in vielen europäischen Ländern lebten. Breit behandelt wurde der Alltag der in Deutschland lebenden Dänen, Friesen, Sorben, Litauer, Polen und Tschechen. Skala verwies beharrlich immer wieder auf deren, in Artikel 113 der Weimarer Verfassung verbrieften Rechte, kritisierte die sie benachteiligende Schulpolitik in Preußen, Sachsen und Schleswig-Holstein und setzte sich mit chauvinistischen Auffassungen auseinander. Er scheute nicht vor Kritik an Außenminister Gustav Stresemann zurück, dessen Politik darauf ziele, das Deutschtum im Ausland massiv zu stützen und einen »Staat« zu schaffen, »dessen politische Grenzen alle deutschen Volksteile umfasst«.

Skala stellte in einer Analyse der Situation der europäischer Minderheiten »zwei starke Strömungen« fest, »eine auf Verständigung und Zusammenarbeit mit den Mehrheitsvölkern gerichtete« und eine »auf scharfe Trennung zwischen Mehrheit und Minderheit abgezielte irredentistische Bewegung«. (KW, 9/1925) Er rügte den gegensätzlichen Umgang der deutschen Politik mit in Deutschland lebenden Minderheiten und den »eigenen« im Ausland. Minderheiten dürften nicht für außenpolitische Ziele instrumentalisierrt werden. In der Innenpolitik seien Gleichberechtigung sowie die Förderung von Sprache und Kultur der Minderheiten zu achten und zu wahren. (KW, 3/1926)

Hinter den Begriffen Volks-, Kultur- und auch Schicksalsgemeinschaft verberge sich die Intention einer Neuordnung Europas. (KW, 10-11/ 1929). Jahre später – Hitlers Partei war schon unüberhörbarer Faktor deutscher Politik – schreibt Skala, die Politik der »Zusammenfassung aller deutschen Minderheiten« im Ausland sei Grundstock dafür, was »von nationalistischer Seite im Sinne der alten Losung: ›Ein Reich, ein Volk!‹ kommentiert wird.« (KW, 2/1931) Im Jahr des Prozesses gegen die »Weltbühne« war das ein starkes, mutiges Wort. Skala verwies auch warnend auf den Nazi-Schlachtruf: »Ein Reich, ein Volk, ein Führer!« Damit würden die Deutschen auf den Terror gegen Minderheiten vorbereitet, für den »Kampf um Lebensraum im Osten«, für die »Endlösung« genannte Ausrottung von Millionen Menschen. Die »Kulturwehr« erlangte durch ihre unmissverständliche Haltung gegen Ungerechtigkeit, Revanchismus und Antislawismus die Aufmerksamkeit einer breiten europäischen Öffentlichkeit. Das brachte ihr freilich auch Hass und Verfolgung seitens der Mächtigen in der Weimarer Republik und später im »Dritten Reich« ein. Die »einzige Minderheitenzeitschrift von Weltruf« war jenen ein Dorn im Auge.

Am 3. März 1936 wurde dem Chefredakteur brieflich mitgeteilt, er sei aus der Berufsliste der Schriftleiter gestrichen: Goebbels persönlich habe gegen die endgültige Eintragung Einspruch erhoben, »da Sie nicht die Eigenschaften haben, die die Aufgabe der geistigen Einwirkung auf die Öffentlichkeit erfordert«. Mit dem Schriftleitergesetz wurde so am deutschen Staatsbürger und sorbischen Antifaschisten Jan Skala demonstriert, wie mit formal rechtsstaatlichen Mitteln Unrecht präjudiziert werden kann.

Skala ließ sich jedoch nicht den Mund verbieten. Das würde er auch heute nicht tun. Er würde sich mit unmissverständlichen Worten in die Diskussion um das geplante Zentrum »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« einmischen und geschichtsfälschende, Ursache und Wirkung verdrehende Manipulation entlarven. Er hat dies als Soldat im Ersten Weltkrieg erlebt. Nach dem Versailler Vertrag war ihm klar: Wer Vertreibungen vermeiden will, muss Kriegstreiberei verhindern.

Skala hätte auch aktuelle »großungarische« Ansprüche, die Ungarns Präsident Sólyom artikuliert, zurückgewiesen; er hätte diese zu seiner Zeit als Angriff auf den Trianon-Vertrag von 1920, einem Bestandteil des Versailler Vertragswerkes, bewertet. Und nicht nur Kopfschütteln hätte bei ihm Sólyoms Forderung im Herbst vergangenen Jahres in Berlin nach einer »deutsch inspirierten Minoritätenpolitik« hervorgerufen.

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