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Dörflicher Eigensinn

Klein Lukow bei Neubrandenburg wehrt sich gegen eine große Hähnchenfarm. Das platte Land politisiert sich

  • Von Velten Schäfer, Schwerin
  • Lesedauer: 4 Min.

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In Mecklenburg-Vorpommern wächst der Widerstand gegen große Tierfabriken. Inzwischen haben sich zehn Initiativen in einem landesweiten Netz zusammengefunden.

Von außen gesehen ist Klein Lukow so ziemlich die Definition von nirgendwo. Aber die Klein Lukower lieben ihren Ort, die weiten Felder und den kleinen See. Klein Lukow liegt im östlichen Zipfel des Müritzkreises und ist nicht zu verwechseln mit Klein Luckow im Uecker-Randow-Kreis. Etwa 250 Seelen beheimatet das vom Amt Penzlin verwaltete Dörflein – doch demnächst sollten 300 000 Hähnchen dazukommen – pro »Durchgang«, insgesamt kommt man so auf 2,4 Millionen im Jahr.

Nicht nur Gestank

Das sind zumindest die Pläne von Herbert Kraus, einem Agrarunternehmer, der in Bayern wohnhaft ist, in Klein Lukow aber schon länger eine Rolle spielt. Er arbeitet mit lokalen Landwirten zusammen und hat bereits viel Land am Ort gepachtet. Es wäre dies nicht der erste Agrarbetrieb in Klein Lukow, es gibt bereits eine Putenmast. Aber dennoch passte den Leuten die Aussicht auf eine Hähnchenfabrik dieser Dimension überhaupt nicht.

Die Bürger fürchteten den Gestank, so Bürgermeisterin Ilona Burr. Und die Gemeindevertreter haben sich der Stimmung im Dorf angeschlossen: Am Dienstag lehnten sie die geplanten Hähnchenmastanlage per Gemeinderatsbeschluss vorerst ab. Auch die Familie Zolinski, die die örtliche Putenfarm betreibt, ist gegen die Hähnchenfabrik und macht in der Bürgerinitiative mit.

Das Nein im Gemeinderat heißt allerdings nicht, dass die Sache vom Tisch wäre. Kommunalrecht ist kompliziert. Doch liegt der Ball jetzt in der Landeshauptstadt Schwerin – denn neben den Bürgern vor Ort ist auch der Landkreis Müritz sehr skeptisch, ob eine solche Anlage in den touristischen Landstrich um Deutschlands größten Binnensee passt.

Umweit des geplanten Standortes befindet sich etwa das Schloss Marihn. In dem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert wird seit einiger Zeit Bett- und Frühstück-Tourismus angeboten; die Anlage war sogar Außenstelle der Schweriner BUGA 2009.

»Rettet das Landleben«

Der Landkreis hat inzwischen bei der Landesregierung ein Raumordnungsverfahren beantragt. Jana Wolf von der Klein Lukower Bürgerinitiative »Leben im Dorf« rechnet in der nächsten Woche mit einer Entscheidung darüber. Sollte es zu einem Raumordnungsverfahren kommen, würde abgewogen, ob etwa Verkehrs-, Geruchs- oder andere Belastungen auftreten könnten, die anderweitige Interessen schädigen. Sollte ein solches Verfahren abgelehnt werden, was in Schwerin per Ministeriumsbeschluss möglich wäre, könnten die Dorfbewohner auf Zeit spielen. Die Gemeinde könnte dann den Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan fassen, was ihr etwa ein Jahr geben würde.

Mit einem Bebauungsplan ließe sich die Hähnchenfabrik stoppen – allerdings müsste er gut begründet sein. »Eine reine Verhinderungsplanung ist nicht rechtmäßig«, sagt Jörg Kröger vom Landesnetzwerk »Bauernhöfe statt Agrarfabriken«.

Kröger weiß das aus eigener Erfahrung. Er ist auch Mitglied der Initiative »Rettet das Landleben«, die sich gegen eine riesige Ferkelfabrik eines niederländischen Investors in der Gemeinde Alt Tellin engagiert. In Alt Tellin wurde ein Raumordnungsverfahren abgelehnt und das gemeindliche Einverständnis nach einigem intransparentem Gezerre in einer knappen Entscheidung erteilt. Juristisch ist die Anlage nun kaum noch zu verhindern. Die Alt Telliner können nur hoffen, dass durch ihren Druck vom Staatlichen Amt für Umwelt und Natur so harte Auflagen erlassen werden, dass sich das Vorhaben nicht mehr lohnt.

Ermutigung durch Lubmin

Deswegen engagiert sich Kröger, der bei Alt Tellin ein Gutshaus für Touristen ausgebaut hat, inzwischen auf Landesebene. Er zählt zu dem Mitbegründern des Netzwerks der Tierfabrik-Gegner im Nordosten, und die Bewegung des dörflichen Eigensinns auf dem platten Land wächst stetig. Etwa zehn Bürgerinitiativen beteiligen sich schon, darunter auch Bürger aus Lindenhof im Kreis Demmin, wo eine Hähnchenfabrik für 1500 Tiere entstehen soll. Auch Umweltverbände wie der BUND arbeiten mit.

Kröger und seine Mitstreiter hoffen, dass über die Tierfabriken eine nachhaltige Politisierung auf dem platten Land gelingen könnte – wo, wer Arbeitsplätze verspricht, bisher machen konnte, was er wollte. Nicht zuletzt der Erfolg der Gegner des inzwischen abgesagten Steinkohlemeilers in Lubmin bei Greifswald habe die Menschen ermutigt.

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