Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ali Agca und die Rätsel von Rom

Der Papst-Attentäter von 1981 wird heute aus türkischer Haft entlassen / Hintergründe des Verbrechens noch immer im Dunkeln

In der Haft versuchte er sich als Autor religiöser Bücher, spielte auch mal im Gefängnis-Theater die eine oder andere Rolle. Die Hauptrolle des Bösen verkörperte er vor fast 29 Jahren bei einem wirklichen Drama: Ali Mehmet Agca, der Mann, der am 13. Mai 1981 um 17.17 Uhr auf dem Petersplatz in Rom zweimal mit einer 9-Millimeter-Pistole der belgischen Marke Browning auf den polnischen Papst schoss. Johannes Paul II. überlebte mit schwersten Verletzungen, an deren Folgen er bis zu seinem Tod am 2. April 2005 litt.

Am heutigen Montag soll der inzwischen 52-jährige Attentäter aus einem Hochsicherheitsgefängnis bei Ankara entlassen und damit endgültig auf freien Fuß gesetzt werden. Nach seiner Begnadigung in Italien im Jahr 2000 war Agca an die Türkei ausgeliefert worden, wo die Justiz bereits wegen eines 1979 verübten Mordes an einem linken Journalisten auf ihn wartete. Hinzu kam eine Verurteilung für einen ebenfalls über 20 Jahre zurückliegenden Raubüberfall. Eine 2006 verfügte Freilassung auf Bewährung hatte der Oberste Gerichtshof der Türkei umgehend wieder aufgehoben. Die Haftzeit wurde seinerzeit neu berechnet – bis zum 18. Januar 2010.

»Ein Geheimnis zwischen mir und ihm«

Obwohl der damalige Rechtsterrorist Agca zweifelsfrei die Schüsse auf das katholische Kirchenoberhaupt abfeuerte, bleibt das Papst-Attentat eines der großen ungeklärten Verbrechen.

Am 27. Dezember 1983 besuchte Johannes Paul II. die römische Strafvollzugsanstalt Rebibbia und begab sich in die Zelle jenes Mannes, dessen Weg sich mit dem des polnischen Pontifex so verhängnisvoll gekreuzt hatte. Zwanzig Minuten lang führte Karol Wojtyla unter Ausschluss jeglicher Zeugen ein persönliches Gespräch mit »seinem« Attentäter Ali Agca. Über den Inhalt dieser Unterredung ist viel spekuliert worden. Wird doch nach wie vor vermutet, dass dort die wahren Hintergründe und Drahtzieher der Schüsse auf dem Petersplatz zur Sprache kamen.

»Was wir einander gesagt haben, bleibt ein Geheimnis zwischen mir und ihm«, beschied Johannes Paul II. nach seinem Rebibbia-Besuch die Journalisten reserviert. »Ich habe zu ihm gesprochen, wie man zu einem Bruder spricht, dem ich vergeben habe und dem ich vertraue.«

Die Journalistin und Vatikan-Expertin Valeska von Roques nennt in ihrem Buch »Verschwörung gegen den Papst« den Anschlag »die dreisteste aller ›covert actions‹« (verdeckte Aktionen), die im Kalten Krieg von westlichen Kräften inszeniert worden sei. Mit der Attacke auf den Papst, die den Bulgaren und dem sowjetischen KGB untergeschoben werden sollte, sei beabsichtigt gewesen, die Sowjetunion als das »Reich des Bösen« aus dem Kreis der zivilisierten Staaten zu verbannen, die sich anbahnende Entspannung zu boykottieren und die labile Situation in Polen zu destabilisieren – »wenn möglich bis hin zu einer Intervention der Sowjets«. Für von Roques liegt der Ursprung des Komplotts in den USA.

Besonders pikant indes war und ist die hinter die Leoninischen Mauern des Vatikans führende Spur. Und diese wiederum ist verbunden mit einem knapp 93 Jahre alten Mythos. Am 13. Mai 1917 soll drei Hirtenkindern in dem portugiesischen Dorf Fatima (heute ein weltberühmter Wallfahrtsort) die Gottesmutter erschienen sein. Jeweils am 13. der Folgemonate bis Oktober habe sich Maria gezeigt, so die Legende. Dabei habe die Jungfrau gegenüber Lucia (10), Francisco (9) und Jacinta (7) eine dreiteilige Botschaft verkündet. 1938 enthüllte die nunmehrige Nonne Lucia dos Santos – Francisco und Jacinta waren bereits tot, Lucia starb 2005 – die ersten beiden Teile der angeblichen Geheimbotschaft.

Im ersten Teil geht es um eine Höllenvision, die später als Prophezeiung des Zweiten Weltkrieges interpretiert wurde. Im zweiten Teil ist vom Zorn der Madonna auf Russland die Rede, weil es vom Glauben abgefallen sei. Den Gläubigen stehe noch Schreckliches bevor. Erst Russlands Bekenntnis zum Katholizismus werde die Muttergottes versöhnen.

Den dritten Teil der Offenbarung gab die Nonne nicht preis, schrieb ihn aber 1941 auf und ließ ihn dem Vatikan zukommen. Bedingung: Nur der jeweils amtierende Papst dürfe das Geheimnis lesen. Wie viele Menschen tatsächlich den Inhalt des Schreibens kannten, bevor es entgegen der Bedingung Lucias im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, wird nie zu klären sein. In den 60er Jahren kamen einige Versionen davon in Umlauf. Auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise im Oktober 1962, so hieß es, habe Papst Johannes XXIII. Kennedy und Chruschtschow per Sonderkurier über den Inhalt der dritten Fatima-Botschaft informiert. Die seien darüber so erschüttert gewesen, dass die Regierungen der USA und der Sowjetunion einlenkten.

Die dritte Offenbarung von Fatima

Was dann am 26. Juni 2000 vom deutschen Kardinal Joseph Ratzinger, dem damaligen Leiter der vatikanischen Glaubenskongregation und heutigen Papst Benedikt XVI., auf einer Pressekonferenz in Rom mitgeteilt wurde, hörte sich indes weit weniger spektakulär an. Es ging um Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen, die beim Besteigen eines Berges den Märtyrertod erleiden. Das Hinbiegen zu einer konkreten historischen Ankündigung wie bei den ersten beiden Teilen der Fatima-Botschaft schien ziemlich schwierig. Wenn nicht im Jahr 1981 ein türkischer Terrorist auf Johannes Paul II. geschossen hätte. Denn in der der Nonne Lucia zugeschriebenen Vision ist die Rede von einem »Bischof, gekleidet in Weiß (von dem wir annahmen, es sei der Heilige Vater)«. Und dieser, so heißt es weiter, »wurde von einer Gruppe von Soldaten ermordet, die teils mit Feuerwaffen, teils mit Pfeilen auf ihn schossen«. Bereits zuvor hatte Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano darauf verwiesen, »dass der sogenannte dritte Teil des Geheimnisses von Fatima auch das Attentat auf den Papst vor 19 Jahren berührt«. Sollte Ali Agca der Realisierung einer Prophezeiung nachhelfen, die bestimmte Kreise im Vatikan durchaus begrüßten? Wenn ja, wer waren diese Kreise? Gab es einen Zusammenhang mit dem angeblich gnadenlosen innervatikanischen Machtkampf zwischen Anhängern der Freimaurer und Mitgliedern der von Johannes Paul II. besonders geförderten erzkatholischen Organisation Opus Dei? Ein von der anonymen Gruppe »Discepoli di verità« (Jünger der Wahrheit) im Jahr 2002 publiziertes Manifest hatte diesen Machtkampf an die Öffentlichkeit gebracht. Und warum wählte Agca für den Anschlag ausgerechnet jenen Tag, an dem 64 Jahre zuvor erstmals Maria in Fatima erschienen sein soll?

Während des zweiten Prozesses 1985 – es ging nun um die angeblichen bulgarischen Drahtzieher – erklärte Agca im überfüllten Saal des römischen Strafgerichts: »Das Attentat auf den Papst ist mit dem dritten Geheimnis von Fatima verbunden.« Und er gab eine Darstellung seines Gesprächs mit Johannes Paul II. in der Gefängniszelle am 27. Dezember 1983: »Ich habe ihm das Ende der Welt angekündigt. Und der Papst hat mich gefragt: ›Wann?‹ Er hat mir nicht gesagt, dass ich verrückt bin. Der Papst hat seinen Besuch bei mir als wunderbar und hervorragend bezeichnet. Ich habe alles gesehen. Die Stunden der Welt sind gezählt. Noch in dieser Generation wird die Welt zerstört werden. Weder die Sowjets noch die Amerikaner werden sich retten können. Ich fordere den Vatikan auf, das dritte Geheimnis von Fatima zu enthüllen.«

Dieses Beharren Agcas auf der Fatima-Botschaft mag damals grotesk geklungen haben. Aus heutiger Sicht macht es durchaus Sinn – unterstellt, Teile der Niederschrift der Nonne Lucia wären dem Attentäter vor dem Anschlag mitgeteilt worden, um diesen als vermeintlichen Vollstrecker göttlichen Willens zu manipulieren.

Von zwei Kardinälen im Vatikan empfangen?

Der »Spiegel« schrieb damals unmittelbar nach den Schüssen von Rom: »Das Attentat auf Johannes Paul II. ist, Ultima irratio, sicher zumindest Ausdruck des unbewussten Wunsches, sich das höchste Opfer und die öffentlichste Öffentlichkeit zu suchen.« Wohl wahr: Der geltungssüchtige Türke, der in seiner Heimat schon einmal damit gedroht hatte, den Papst umzubringen, könnte genau der Richtige für eine solche »historische Mission« gewesen sein.

Kuriosität der Geschichte: Da sich der schwer verletzte Johannes Paul II. die dritte Fatima-Botschaft in die römische Gemelli-Klinik bringen ließ und sie dort erstmals gelesen haben soll, hätte sein Attentäter diese Schrift – zumindest teilweise – vor dem Stellvertreter Christi gekannt. Der Türke Oral Celik, der als eine Schlüsselfigur bei der Organisierung des Attentats gilt, behauptete 1994 in einem Verhör, Ali Agca sei seinerzeit von zwei Kardinälen im Vatikan empfangen worden. Einer der Kardinäle habe eine alte Vision erwähnt, deren Erfüllung nun seine – Agcas – Mission sei. Was Agca während des Prozesses indirekt ebenfalls mitgeteilt hatte.

Aufschlussreich wurden diese Äußerungen erst mit der Veröffentlichung des Schlussteils der Vision der Seherkinder im Jahr 2000. Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Ermittlungen, die der römische Richter Rosario Priore 13 Jahre lang trotz immer neuer Rückschläge unverdrossen geführt hatte, bereits seit zwei Jahren eingestellt.

Bei einem Besuch in Bulgarien im Mai 2002 versicherte Johannes Paul II., er habe »niemals an die sogenannte bulgarische Spur geglaubt«. Eine durchaus plausible Feststellung, da der Pontifex die Wahrheit vermutlich besser kannte als jeder andere.

Ali Agca behauptete stets, dem Papst bei dessen Zellenbesuch die ganze Wahrheit gesagt zu haben. Enthüllen werde er diese aber erst, wenn er wieder ein freier Mann sei. Dieser Tag ist nun gekommen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln