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Himmlisch, geerdet

Gregor Gysi traf Margot Käßmann im Deutschen Theater Berlin

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 7 Min.

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Herzlich willkommen
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Wenn Gregor Gysi Zeitgenossen zum Gespräch ins Deutsche Theater einlädt, bleibt im Saal selten ein Platz leer. So auch am vergangenen Sonntag, als Margot Käßmann, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Bischöfin der größten deutschen Evangelisch-Lutherischen Landeskirche, der Landeskirche von Hannover, neben ihm auf der Bühne Platz nahm. Das Publikum wäre enttäuscht gewesen, hätte Frau Käßmann abgesagt. Dass sie darüber nachgedacht hat (man ahnte es und kann es nachvollziehen), offenbarte sie erst ganz am Ende der Veranstaltung: Sie dürfe sich nicht dem Verdacht aussetzen, sich parteipolitisch vereinnahmen zu lassen. Als ob sie sich vereinnahmen ließe! Gysi versuchte es erst gar nicht. Weshalb das gut eineinhalbstündige Gespräch zu einem von Respekt getragenen und im besten Sinne des Wortes zu einem über Gott und die Welt geriet.

Viel Biografisches also, viel Interesse an der Arbeit Margot Käßmanns: Ein Atheist befragte eine Christin. Dass Gysi um Verständnis bat, falls seine Fragen naiv klängen, war wohl nur eine Spur kokett. Vielmehr gehört es zum Handwerkszeug der Interviewer und Reporter: niemals Wissen vorspiegeln, Neugier wagen: die Gier, Neues zu erfahren. So erfuhren Gregor Gysi und wohl auch mancher im Publikum, dass die Begriffe »Pastor« und »Pfarrer« keineswegs den Sprachgebrauch in der katholischen und der evangelischen Kirche regeln, sondern – gleich, in welcher Kirche – den in Nord- und Süddeutschland.

Margot Käßmann: im schwarzen Hosenanzug über weißer Seidenbluse, mit strassbesetzten Stiefeletten und modischem Kreuzanhänger – die perfekte Inszenierung zeitgenössischer Missionierung. Eine Frau über fünfzig, geschieden, Mutter von vier erwachsenen Töchtern. Eine Frau, deren Konterfei zahllose Zeitungsartikel schmückt und ebenso zahlreiche Buchcover. Man ist versucht, die Bischöfin das schönste Gesicht der Kirche zu nennen, würde sich dies nicht verbieten. Zum einen, weil Stolz und Eitelkeit keine christlichen Werte sind – was nicht heißt, dass Christinnen sich nicht über Komplimente freuen. Zum anderen: Solch äußerliches Etikett würde ihr nicht gerecht. Käßmann bietet Persönlichkeit. Sie antwortet, möchte man meinen, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Und wie er ihr gewachsen ist – klug, gebildet, weltgewandt, alltagstauglich, schlagfertig. Geschult auch am öffentlichen Auftritt. Geschliffen, doch kaum abgeschliffen. Sie ist, in den Grenzen des Amtes, Mensch, sieht gern »Tatort« und liest gern Krimis, vor allem die von Elizabeth George, »darin geht es um Existenzielles«.

Gysi fragt nach Kindheit und Familie: Hat Kirche da schon eine Rolle gespielt? Unausgesprochen: Wie kommt man zum Glauben? Margot Käßmann zitiert zunächst den jüdischen Theologen Martin Buber (†), dessen Gedanken sie angstfrei aufgreift. Zum Glauben komme man entweder, indem man in den Glauben der Eltern hineinwächst, oder durch eigenes Fragen und Denken. In ihrer Familie sei es üblich gewesen, sonntags in die Kirche zu gehen. Wollte sie sich dem entziehen, habe die Mutter zu ihr gesagt: »Wenn sich der liebe Gott sieben Tage in der Woche für dich Zeit nimmt, wirst du wohl eine Stunde in der Woche für ihn Zeit haben.« Sie sei in den Glauben hineingewachsen. Eigenes Fragen und eigenes Denken hätten sie darin bestärkt. 1974/75 Austauschschülerin in den USA: Schwarze wurden ausgegrenzt. Martin Luther King – ein »Aha-Erlebnis«: »So fromm und gleichzeitig politisch!« Einmal mehr benannte Käßmann im Deutschen Theater »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« als »zentrale kirchliche Themen«.

1981 heiratete Margot Renate Schulze den evangelischen Pfarrer Eckehard Käßmann und nahm dessen Namen an. Margot Renate Schulze-Käßmann hätte ihr zu kompliziert geklungen: Das Himmlische braucht Erdung. Mit ihrem Mann teilte sie sich die Pfarrstelle in der hessischen Gemeinde Frielendorf-Spieskappel – ohne eigenes Salär: Sie ist »alimentiert« durch den Gatten. 1989 promovierte sie. 1990 wurde sie Beauftragte für den Kirchlichen Entwicklungsdienst der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und 1992 Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Hofgeismar. Im Exekutivausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen arbeitete Käßmann bis 1998, 1994 wurde sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Im Deutschen Theater jubelte sie: »Für mich die schönste Stelle der ganzen Welt!« Erfolgreiche Kirchentage nannte sie die, »die den Mut haben, Zeitansager zu sein.« In den Kämpfen der Zeit sieht sie den letzten gesamtdeutschen Kirchentag 1954 in Leipzig, auf dem Klaus von Bismarck seine kontrovers diskutierte Rede zum Thema »Die Freiheit des Christen zum Halten und Hergeben« hielt. Seine Worte kann sie aus dem Kopf deklamieren: »Mein Herz«, so Klaus von Bismarck damals, »sucht in diesem Augenblick die Wiesen, die Felder und die Bäume in meiner jetzt polnisch verwalteten Heimat in Pommern ... Es ist meine persönliche Meinung – die einige von Ihnen vielleicht nicht übernehmen können –, dass wir vor Gott kein Recht darauf haben, das wiederzuerhalten, was er uns genommen hat.« Ebenso in den Kämpfen der Zeit sieht sie die Kirchentage 1981 in Hamburg und 1983 in Hannover, die die Friedensbewegung stark beeinflussten, und jenen Kirchentag 1984 in Wittenberg, auf dem Friedrich Schorlemmer symbolisch ein Schwert zur Pflugschar umschmieden ließ.

Margot Käßmann verantwortete die Kirchentage bis 1999. Dann wurde sie zur Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover gewählt. Wer sich eine Bischöfin anders vorstellt, liegt nicht ganz falsch. Auf dem Podium gab sie am Sonntag folgende Geschichte zum Besten: Als man sie bat, für das Amt zu kandidieren, habe sie gedacht: Das passt nicht zu mir. Sie selbst verband mit diesem Amt das Bild eines »seriösen älteren Herren«. Man habe sie aber beruhigt: Sie würde sowieso nicht gewählt, es solle nur eine Frau auf die Liste. Sie wurde gewählt und habe schlucken müssen. »Lieber Gott«, habe sie da gedacht, »wenn du es jetzt so eingerichtet hast, musst du sehen, wie wir damit klarkommen.«

Wie sie ihre Aufgabe als Bischöfin sieht, wollte Gysi von ihr wissen. Da lachte Käßmann: Als Bischöfin müsse sie keine Regierungserklärung abgeben. Doch sie wolle dazu beitragen, dass »Kirche nahe beim Leben der Menschen erfahren wird«. Dazu gehöre soziales Engagement und »dass Kirche sich einmischen darf in politische Fragen – ohne Gewalt, nur mit dem Wort«. Mancher glaube, dass Worte nichts ausrichten. Welche Wirkung Worte entfalten können, habe sie nach ihrer Neujahrspredigt erfahren.

An dieser Stelle fiel die Bemerktung, sie habe erwogen abzusagen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, sie lasse sich vereinnahmen. Und an dieser Stelle, kurz vor Schluss, kam dann doch noch zur Sprache, was ihr viele im Publikum hoch anrechneten: »Nichts ist gut in Afghanistan«, hatte Margot Käßmann am Neujahrstag in ihrer Predigt in Dresden gesagt. Woraufhin ihr Politiker und manche Medien Naivität vorwarfen. »Es gibt deutlich dümmere Männer, denen das nie gesagt wird«, warf Gysi ein. Und: »Sie reagieren so empfindlich, weil sie ein schlechtes Gewissen haben.« Applaus aus dem Saal unterstützte ihn.

Sie habe ihre Predigt noch einmal gelesen und würde sie heute wieder so halten, fuhr Käßmann fort. An ihren Worten habe sich eine Diskussion über den Bundeswehreinsatz entzündet, die »viel zu lange unter dem Deckel gehalten wurde«. Seit der Zerstörung der Tanklaster in Kundus sei der Öffentlichkeit bewusst geworden, dass die deutschen Soldaten in Afghanistan »nicht nur Brunnen bohren, sondern dass dort Krieg ist«. Sie kritisierte, dass vor der Afghanistan-Konferenz in London die Frage der Truppenaufstockung im Vordergrund stehe. Dadurch gerate das Kriterium, durch den Einsatz von Militär den Aufbau des Landes zu ermöglichen, in den Hintergrund. »Wenn wir Soldaten hinschicken, müssen wir das Vierfache an zivilen Kräften und Entwicklungshelfern hinschicken«, forderte die EKD-Ratsvorsitzende. Sie denke dabei auch an die Soldaten. Junge Männer fragten sie, wofür sie dort ihr Leben riskieren. Nach dem Tod von Robert Enke habe sie eine Predigt gehalten. Eine Mutter wollte daraufhin wissen, wer für sie dagewesen sei, als ihr Sohn im Zinksarg heimkam. Wenn jemand überrascht sei, so Margot Käßmann, dass die Kirche zum Frieden mahne, finde sie das komisch.

Gysi fragte, Käßmann antwortete. Mehr Monolog als Dialog. Dialog ist (noch?) ausgeschlossen. Als Politiker sollte man wissen, ob man wirklich Wert darauf legt, dass Kirche sich politisch einmischt. Es könnte ja auch vorkommen, dass man nicht übereinstimmt. Gregor Gysi schien sich entschieden zu haben. Er appellierte an Margot Käßmann, sich nicht einschüchtern zu lassen. »Sie müssen Politiker, einschließlich meine Person, weiterhin nerven«, bat er sie. Bei Gott, darauf kann er wetten.

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