Werbung

»So lange kindisch mit Blut befleckt«

Vor 150 Jahren starb Ernst Moritz Arndt, der umstrittene Namensgeber

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Insbesondere seit vorigem Jahr gibt es an der Greifswalder Universität Streit um den Namensgeber Ernst Moritz Arndt. Ein Teil der Studenten und Professoren fordert, die Almer Mater solle sich umbenennen. Zur Begründung verweisen sie auf franzosenfeindliche und antisemitische Äußerungen des Namenspatrons. Die Abstimmung jüngst zeigte jedoch, dass nur eine Minderheit der Studierenden die Position der Arndt-Gegner teilt. Wer war Ernst Moritz Arndt?

Der Vater des am 26. Dezember 1769 in Schoritz auf der Insel Rügen, die damals zu Schweden gehörte, geborenen Dichters war ein ehemaliger Leibeigener, der sich zum Gutsinspektor emporgearbeitet hatte. Der junge Arndt studierte in Greifswald und Jena Theologie und Geschichte, wurde in Greifswald Dozent, später Professor. Seine 1803 erschienene Schrift »Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen« machte ihn weithin bekannt. Und diese Veröffentlichung trug nachweislich dazu bei, dass in Schwedisch-Pommern die Leibeigenschaft aufgehoben wurde.

Nachdem mit Preußen der letzte deutsche Staat unter die Knute Napoleons geraten war, ging Arndt nach Schweden und 1812 als Mitarbeiter des Freiherrn vom Stein nach Russland. Von hier aus rief er die Deutschen auf, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. Er bediente sich einer kraftvollen, eingängigen und zugleich volkstümlichen Sprache. So beginnt sein »Vaterlandslied« von 1812 mit den Worten »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte ...«. Arndt prangerte freilich nicht nur die Expansionspolitik Napoleons an, sondern schürte auch blindwütigen Hass gegen das französische Volk. Dem Invasionsheer, mit dem Bonaparte in Russland einfiel, gehörten auch 200 000 deutsche Soldaten an. Ihnen rief Arndt in seiner Schrift »Katechismus für den teutschen Kriegs- und Wehrmann« zu: »Denn wenn ein Fürst seinen Soldaten befiehlt, Gewalt zu üben gegen die Unschuld und das Recht, ... müssen sie nimmer gehorchen.« Stein und General Gneisenau sorgten dafür, dass Arndts Schriften in hohen Auflagen gedruckt wurden und breite Kreise erreichten. Arndt wurde zum populärsten Publizisten und Dichter des Befreiungskrieges.

Nach dem Sieg über Napoleon wurde Arndt zum Professor der Geschichte an die neu gegründete Universität Bonn berufen. Reaktionären Adelskreisen galt er aber längst als verdächtig. 1813 hatte er geschrieben, Deutschland sei vorrangig »durch die Herzlosigkeit und Ehrlosigkeit seiner Herren und Fürsten« in »Sklaverei gefallen«. Jetzt forderte er die staatliche Einigung Deutschlands, die Pressefreiheit und die Abschaffung der Geheimpolizei. Im Zuge der »Demagogenverfolgungen« erfolgte seine Suspendierung vom Dienst, seine Manuskripte und Briefe wurden beschlagnahmt. Erst 1840 sah er sich wieder rehabilitiert. Acht Jahre später wurde er in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Er schloss sich keiner Fraktion an, stimmte aber mit dem gemäßigt liberalen Zentrum. Arndt schrieb umfangreiche autobiografische Werke, in denen er sich, ganz im Unterschied zu den Streitschriften der Kriegsjahre, als wacher und sensibler Chronist seiner Zeit erweist. Am 29. Januar 1860 starb er in Bonn.

Völkische Ideologen der Kaiserzeit und erst recht die Nazis haben sich gern auf Arndt berufen. Es waren auch die Nazis, die 1933 der Greifswalder Universität den Namen Arndts verliehen (sie haben übrigens auch der Jenaer Universität den Namen Friedrich Schillers gegeben). 1943 beriefen sich aber auch die Antifaschisten des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) auf die Worte Arndts im »Soldatenkatechismus«.

In der DDR wurden das patriotische Wirken Arndts von 1812/13 und sein Kampf für die Bauernbefreiung gewürdigt. Seine Tendenzen der Deutschtümelei wurden kritisch vermerkt, seine antisemitischen Äußerungen jedoch nicht problematisiert. Seit 1955 vergab der Nationalrat der Nationalen Front als höchste Auszeichnung die »Ernst-Moritz-Arndt-Medaille«. Aber noch immer gibt es keine ausführliche wissenschaftlich fundierte Biografie.

In Arndts vielschichtigem und widerspruchsvollem schriftstellerischem Werk (das auch Reisetagebücher, Märchen und religiöse Lieder enthält) findet sich manches Überraschende. So heißt es in einem seiner späten Gedichte: »Europa – das sich kindisch so lange mit Blut befleckt hatte, bilde sich in Gemeinschaft zur Menschheit!«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!