Boutique mit goldenen Rohren

In Weißensee hat ein neuer Umsonstladen eröffnet

Brauchen, kramen, finden
Brauchen, kramen, finden

Es ist zwei Monate her, dass der Umsonstladen in der Brunnenstraße 183 zusammen mit dem Wohnprojekt von der Polizei geräumt wurde. Jetzt blüht die Idee einer solchen Einrichtung wieder auf. In Weißensee hat ein neuer Laden aufgemacht, in dem ausrangierte Gegenstände abgegeben werden, die sich andere gratis mitnehmen. Nichts wird ab- und aufgerechnet. Darauf legt ein fünfköpfiges Kollektiv, das den Laden im Kultur- und Bildungszentrum Raoul Wallenberg betreibt, großen Wert.

Länger als ein halbes Jahr dauerte die Renovierung des Anbaus in der alten Schule. »Das waren einmal die Umkleideräume der Sporthalle«, erklärt die Aktivistin Kathrin. Aber nichts erinnert mehr an beige gekachelte, nackte Wände mit den Wasserrohren. Der Raum mit den Nischen ist aber auch keine Krambude wie der Umsonstladen in der Brunnenstraße, in dem der Sperrmüllanteil erheblich war. Dieser Laden hier gleicht einer liebevoll eingerichteten Second-Hand-Boutique.

Frau Braun, eine ältere Dame mit weißgrauen Haaren, wohnt in der Trabacher Straße, und sie findet es praktisch, dass der Laden nun gleich um die Ecke liegt. »Ich bin auch mit der Straßenbahn in die Brunnenstraße gefahren und habe da meine ausrangierten Sachen abgegeben«, erzählt die Rentnerin. Sie mag es, wenn ihre alte Dinge noch gebraucht werden.

Kathrin ist gut 50 Jahre jünger als Frau Braun und freut sich darüber, dass ihr Projekt bereits in der Nachbarschaft bekannt ist. Denn die Aktivisten wollen nicht nur einen Ort schaffen, an dem Gegenstände weitergereicht werden, sondern sie organisieren auch regelmäßig Lesungen und Diskussionen, damit der Umsonstladen eine Begegnungsstätte wird.

Zu ihrer solidarischen Utopie gehört das ebenso wie ein Wirtschaften ohne Mehrwert und Gegenleistung. »Einzig der Bedarf soll entscheiden, ob Dinge wertvoll sind, und nicht, weil der Markt den Preis in die Höhe treibt oder der Nachbar so was auch hat«, erklärt Kathrin. Der Kollektivist Matthias kritisiert die Arbeitsgesellschaft vor allem deshalb, weil sie Menschen selbst wie Waren behandelt. Ihr Wert werde nur in der Leistung gesehen. Dagegen soll der Umsonstladen Akzente setzen und ein Farbtupfer sein wie die goldlackierten Wasserrohre.

Vorerst öffnen die Betreiberinnen und Betreiber zweimal in der Woche, wobei der Dienstag den Frauen vorbehalten bleibt. Auf die Frage, ob das nicht diskriminierend sei, lacht Kathrin. »Nein«, antwortet sie. »Sonst dominieren Männer immer die Räume. Damit müssen sie hier klarkommen.« Das sieht Matthias ebenso. An einem Tag sei das ein »Freiraum für Frauen«. Wenngleich Kathrin zugibt, dass die Entscheidung nicht unumstritten war. Jetzt müsse man sehen, wie sich das entwickelt. Der Umsonstladen in Weißensee lebt vom Ausprobieren.

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