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Acht Zeilen Gott und die Welt

Hermann Kant

Nimmt man die Anfänge und Überschriften ihrer Gedichte (verstreute Textstellen nicht bedacht), dann hat der Monat zwischen Sommer und Herbst es dieser Eva Strittmatter besonders angetan. Vom Rauchgeruch der Frühe im September steht bei ihr geschrieben, und man schmeckt, wovon die Rede ist. Und stimmt mit Blick auf den eigenen Kalender dem nächsten lyrischen Befund sehr zu: Die schönste Sonne ist im September. Stimmt zu, weiß aber auch mit der Dichterin von einer Prosa, in der eins vom anderen sagt: Es ist so sehr September geworden/ Daß die Luft zwischen uns gefriert. Ein Grund womöglich, warum einem der Bescheid verständlich klingt: September ist der Sehnsuchtsmonat.

Diese Bewertung könnte erklären, warum im Verzeichnis von Eva Strittmatters Sämtlichen Gedichten (die vor vier Jahren erschienen sind und jüngst mit der Sammlung Wildbirnenbaum glanzvoll erweitert wurden) neben Titeln wie Später September, Septemberseele und Septembersonne gleich drei Bekundungen stehen, die einfach September heißen. Nein, nicht einfach; sie sind mit den römischen Ziffern eins bis drei versehen. Kaum vorstellbar, der Lyrikerin, Erzählerin und Essayistin wäre, als sie ein zweites und ein drittes Mal den Monatsnamen zur Überschrift bestimmte, eine genauere Bezeichnung nicht eingefallen. Sie hat vermutlich die Besonderheit betonen und die ach so verschiedenen und doch mit gleichem Recht zu ihrem Leben gehörenden Monde in eine Ordnung bringen wollen.

Von den September-Gedichten ist mir Wieder September am nächsten. Nicht nur, weil die Jahre Fahrt aufnehmen und ich die schneller eintreffenden Monate mit einem zwiewertigen Du schon wieder! begrüße. Auch nicht, weil September mir die eigentliche Zeit der Übergänge ist. Dreißig Tage Noch und Schon. Sondern vor allem, weil ich es hier mit wunderbar Gelungenem zu tun habe. Mit großer Kunst, die auch ein großes Kunststück ist. Eins in der Nußschale. Farbenlehre, Glaubenskriege, Lebensweisen, Sterbensgründe – acht Zeilen Gott und die Welt. Der Anblick eines Pferdchens auf einem Hof in Schulzenhof führt – allerdings, das Dorf gehört zur Großgemeinde Stechlin, und eine aus Fontanestadt schreibt Protokoll – für einen sinnöffnenden Augenblick in vertraut vertrackte Verhaltensgeschichte. Naheliegendes wird genau gesehen, Entlegenes genau bedacht. Am Ende, das sich zum ikonischen Anfang fügt, ist wieder September auf einem besonnten Stück Erde. In einer Weise, die immer sein sollte und längst nicht immer war. – Aber ein kurzes Gedicht lang ist der Leser ein verstandener, ein einverstandener, ja glücklicher Mensch gewesen.

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