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Eine Flucht ins Leben

Die Bombennacht bewahrte Alfred Schellenberger vor dem Tod

Dem von den Nazis zum Tode verurteilten Widerstandskämpfer Alfred Schellenberger (Foto: privat) gelang im Inferno von Dresden vor 65 Jahren die Flucht. Seine Tochter Anneliese Schellenberger sandte uns die Erinnerungen ihres Vaters, die er kurz vor seinem Tod am 22. Februar 1963 niedergeschrieben hatte.

»Wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung werden die Angeklagten Haucke, Ritter, Dr. Gietzelt und Schellenberger zum Tode verurteilt.« So verkündete es der Volksgerichtshof auf seiner Hauptverhandlung in Leipzig am 20. Dezember 1944. Es war nicht das erste Mal, dass man mir das Todesurteil sprach. Im KZ-Buchenwald hörte ich es schon einmal. Ein SS-Scharführer sprach: »Hier kommst Du nur mit dem Kopp zuerst raus: Auf einer Bahre zum Verbrennen!« Gewiss, jetzt war es anders. Das Todesurteil von damals war irgendwie nicht so unumstößlich, so mit Brief und Siegel gegeben. Jetzt war es amtlich

Und trotzdem, sechs Jahre KZ hatte ich hinter mir; sechs Mal 365 Tage, Tage des Mordens entmenschter Sadisten an uns Häftlingen. Ich hatte sie überstanden. Das war's, warum ich auch jetzt nicht verzagte. Trotz Handfesseln, dem obligatorischen »Schmuck« der Todeskandidaten, trotz der Todesmontur, in die man uns sofort kleidete. Aufgegeben wird nicht, solange das Herz schlägt ...

Zu dritt waren wir in der Zelle. Alle drei zum Tode verurteilt. Unsere Gedanken galten aber nicht dem Jenseits. Im Gegenteil. Die mögliche Flucht ins Leben beherrschte uns. Wir interessierten uns von Anfang an für unsere »Armreifen«; genauer die Schlösser, die sie zusammenhielten. Eine Decke wurde auf das an der Wand hochgeschlossene Bettgestell gelegt. Und dann mit den Fesseln darauf geschlagen; stundenlang, mal schwächer, mal stärker, bis die Arretierung zurückfiel. Mit der Zeit erreichten wir eine ziemliche Fertigkeit im Öffnen und Schließen.

Am 13. Januar 1945 ging es auf Transport zur Hinrichtungsstätte ins Landesgerichtsgefängnis Dresden. Dort erlebte ich die amerikanischen Luftangriffe am 13. und 14. Februar. Bereits beim ersten wurden der Henkerhof und die Küche getroffen. Ein Segen und ein Fluch. Der Turnus der Hinrichtungstage wurde unterbrochen, Verzögerungen traten ein; an Stelle des warmen Mittagessens gab es nur noch kaltes Salzgemüse mit drei dünnen Scheiben Brot ...

In der Nacht zum 14. Februar flogen erneut starke Geschwader die Stadt an. Die Explosionen der Bomben ließen die starken Mauern unserer Zellen erbeben ... Das Ausmaß der Zerstörungen musste riesengroß sein. Keiner der Schließer ließ sich bei uns blicken. Gegen Mittag erneut Alarm. Durch unsere Zellenfenster beobachteten wir den Anflug der anglo-amerikanischen Flugzeuge. Dann begann ein höllisches Inferno. Das Gefängnis wurde durch zahlreiche kleinere Bomben getroffen. Das Geschrei der Verwundeten mischte sich mit dem Bersten der Fenster und weiteren Explosionen.

Jetzt war unsere Stunde gekommen. Wir befreiten uns von unseren Fesseln. Unser Versuch, das Bett von der Wand zu demontieren, um damit die Tür zu rammen, misslang. Wir zerschlugen das kleine Fenster über der Tür. Ungedämpft drang nun das Toben der anderen Häftlinge zu uns. Überall versuchten sie, die Türen aufzubrechen. Plötzlich wurden die Zellentüren aufgeschlossen. »Todeskandidaten im Erdgeschoss antreten.« ... Mit meinem Zellengefährten, einem gebürtigen Dresdner, nutzte ich die allgemeine Verwirrung, die durch das Schreien der noch eingeschlossenen Häftlinge gesteigert wurde. Wir traten nicht, wie befohlen, im Erdgeschoss an, sondern liefen auf den Teil des Zellenbaus zu, wo Bombentreffer eine Fluchtmöglichkeit eröffnet hatten ...

Über eine steinerne Wendeltreppe erreichten wir die zweite Etage des Landgerichts. Dort erkundeten wir, dass das gesamte Gebäude von bewaffneten Aufsehern umstellt war. Eine Flucht am hellen Tag schien unmöglich; wir mussten es nachts versuchen. In einer Korridornische verbarrikadierten wir uns mit einer Tür, die der Explosionsdruck aus den Angeln gerissen hatte. Ständig eilten Wachablösungen und Kontrollposten zur Luftschutzwache auf dem Boden des Landgerichts. Immer an unserem Versteck vorbei. Die Stunden des Wartens auf die Nacht wurden uns zur Ewigkeit. Endlich, gegen Mitternacht, trat etwas Ruhe ein. Zwei Mal versuchten wir, das Gebäude zu verlassen. Vergebens! Immer wieder wurden wir gestört. Der dritte Versuch gelang.

Auf Strümpfen tasteten wir uns durch die Gänge des Gebäudes zum Ausgang. Dann ging es hinein in die brennende Stadt, über ein unübersehbares Trümmerfeld, an Tausenden von Leichen vorbei. Die Wohnung der Schwester meines Gefährten war unser Ziel. Dort bekam ich eine Jacke, ein Halstuch, das das Gefängnishemd verbarg, und das Fahrgeld nach Leipzig. Nun begann ein langer mühseliger Marsch nach Radebeul. Durch die Haft, die miserable Ernährung und durch die dauernde nervliche Belastung war ich am Ende der körperlichen Leistungsfähigkeit. Beinkrämpfe hielten mich immer wieder auf.

Endlich war ich in Radebeul-Ost. Von hier sollten Züge nach Leipzig fahren. Bis zur Abfahrt legte ich mich im Wartesaal auf den Fußboden. Hundemüde war ich; und doch durfte ich nicht schlafen. Meine Gefängnisstrümpfe mit den roten Ringen hätten mir zum Verhängnis werden können. Kurz vor der planmäßigen Abfahrtszeit löste ich mir die Fahrkarte. Obwohl der Zug bis Leipzig fuhr, erhielt ich sie nur bis Riesa. Ich blieb im Zug und fuhr durch. Am Nachlöseschalter in Leipzig wurden meine Ausweispapiere verlangt. Was sollte ich vorweisen? Ich hatte doch nichts. Der Beamte ließ mich warten, verständigte die Bahnpolizei. Jetzt kam es darauf an! Ruhe und Nerven waren jetzt Trumpf!

Das Verhör über Woher und Wohin begann. Ich redete um meinen Kopf. Glaubwürdig und echt musste alles klingen; Vertrauen musste ich erzielen. Was dann im Protokoll stand, war ungefähr folgendes: »Leonard Frank, geb. 1891 in Frankfurt/Main, wohnhaft Leipzig – W 33 Demmeringstr.. 85. Vom Arbeitsamt als Betriebsschlosser in die Nora-Werke dienstverpflichtet. Bei Angriffen auf Dresden Ausweispapiere abhanden gekommen. Antrag auf neue Papiere in Dresden abgelehnt, Polizeirevier am ständigen Wohnsitz sei zuständig. Aus diesem Grunde hier Punkt. – Unterschrift.« Mit guten Wünschen und ein paar Zigaretten entließ man mich.

Nun aber weg vom Hauptbahnhof! Kurz nach 9 Uhr war ich daheim. Das war ein Wiedersehen! Meine Frau hatte Tage vorher meinen Nachlass von der Gefängnisverwaltung Leipzig abgeholt. Und jetzt war ich selbst da.

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