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Weinrot in Ramallah, braunrot in Hebron

Seit 1948 sammelt Widad Kawar Kleider, Tücher und Frauenschmuck aus der verlorenen Heimat Palästina. Im »Beit al Turath al Arabi«, dem Haus für das arabische Erbe, im jordanischen Amman soll ihre Sammlung ein neues Zuhause finden.

  • Von Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 7 Min.

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Widad Kawar (oben) hat in Amman die größte Sammlung selbstgestickter palästinensischer und arabischer Kleider zusammengetragen.
Widad Kawar (oben) hat in Amman die größte Sammlung selbstgestickter palästinensischer und arabischer Kleider zusammengetragen.

»Hier geht es in das Untergeschoss meines Hauses, es ist das Lager und das Zuhause meiner Sammlung geworden.« Widad Kawar steigt langsam eine steile Treppe in ihrem großzügigen, von einem üppigen Garten umgebenen Haus in Amman hinunter. Keramiken, Plakate, Fotografien und Grafiken schmücken den Gang in das Souterrain, wo ein schmaler Weg vorbei an Truhen, Garderoben und Schränken in ein Arbeitszimmer führt, das wie ein Wintergarten von fast allen Seiten mit Fenstern umgeben ist. Seit 60 Jahren sammelt Widad Kawar Kleider, Umhänge, Tücher und Schmuck von Frauen aus Palästina. Bei den Palästinensern hat ihr das den Ehrennamen »Umm 'l-ibas al falastini« eingebracht, was so viel heißt wie »Mutter des palästinensischen Kleides«. Allein ihre Sammlung von Kleidern schätzt sie auf 2000 Einzelstücke, das älteste stamme von 1850. Hinzu kommen ungezählte Schmuck- und andere Einzelstücke, sagt sie, öffnet die Tür zu einem Nebenraum und schaltet das Licht ein.

Der Klang ihres Silbers verriet die Frau

Der Anblick ist atemberaubend. In dicht bepackten Regalen stapeln sich Kleider, Jacken, Tücher und Hauben bis unter die Decke. Der Schmuck wird in Schubladen aufbewahrt. Widad Kawar öffnet einen der schweren Schubkästen, dessen Inhalt durch die Bewegung wie ein Orchester aus Triangeln und Schellenringen klimpert und rasselt. »Das hier sind Armreifen aus allen arabischen Ländern, und in dieser Schublade sind nur die Armreifen aus Palästina und Jordanien.«

Widad Kawar greift in eine dritte Schublade: »Das hier sind Halsreifen und Ketten, die die Frauen bekamen, wenn sie heirateten. Ein Mann hat mir erzählt: Wenn die verhüllten Frauen mit ihrem Silberschmuck vorbeigingen, habe man am Klang des Silbers erkennen können, um wen es sich handelte. Denn jede Frau hatte ihre eigene Art zu gehen und das Silber klang so, wie sie sich bewegte.«

Widad Kamal Kawar wurde 1932 in Bethlehem geboren. 1948, vor der Gründung des Staates Israel, ging sie nach Beirut und studierte Pädagogik und Arabische Geschichte. In ihrer Kindheit waren die Frauen aus den Dörfern jeden Sonnabend zum Markt nach Bethlehem gekommen, erinnert sie sich, dabei trugen sie immer ihre schönsten Kleider. Doch als sie 1950 aus Beirut zurückkehrte, konnte sie ihre palästinensische Heimat kaum wiedererkennen: »Nach dem Krieg 1948 waren einige der Dörfer völlig leer und ihre Bewohner, die wir immer gesehen hatten, lebten in Lagern«, erzählt sie. Das Leben sei völlig anders gewesen als in ihrer Erinnerung. »Diese schönen Frauen in ihren traditionellen Trachten lebten jetzt in Lagern, wo sie sich nach Milch und Mehl anstellen mussten.« Traurig und wütend zugleich nahm sie sich vor zu zeigen, »wie diese Frauen früher einmal gewesen waren. Also begann ich, ihre Kleider zu sammeln.«

Sie sammelte zunächst Hochzeitskleider und notierte die Erzählungen der Frauen, wann und wo sie die Kleider getragen hatten. Sie sammelte Hauben mit Stickereien und Silberschmuck, ließ sich Stiche und Muster erklären, die von Frauen in verschiedenen Dörfern bevorzugt wurden. Da waren der weit verbreitete Kreuzstich und die Plattstickerei von Bethlehem, die Kleider hatten quadratische und V-Ausschnitte, es gab das Regenbogenmuster von Ramallah, die »Leitern« und »Zelte« von Hebron. Und die Farben! »Es waren verschiedene Farbtöne, vor allem in Rot«, weiß Widad Kawar.

Der gelbe Fleck – ein Fehler mit Funktion

»Bis 1930 stickten die Frauen mit Seidenfäden aus Syrien, das waren herrliche, glitzernde Fäden, die sie färbten. Dabei entstanden die verschiedenen Rot-Schattierungen: Weinrot in Ramallah, Braunrot in der Umgebung von Hebron, jede Region hatte ihr eigenes Rot. Und manchmal mischten sie andere Farben mit dem Rot, wie in Gaza, wo ein bisschen Weiß dazukam.«

Weil man ein Mädchen damals nicht direkt ansehen sollte, waren die prächtigsten Stickereien auf den Ärmeln und auf dem Rücken zu finden, erklärt Widad Kawar und lächelt. Um ganz sicher zu sein, dass auch Blicke von hinten keinen Schaden anrichten konnten, hatten sich die Frauen etwas Besonderes ausgedacht, erzählt sie weiter. »Oft findet man einen groben Farbfehler in dem schönen Muster. Zum Beispiel ist die Stickerei in den verschiedensten Rottönen gehalten, und mitten darin prangt ein schreckliches Gelb! Wenn man fragt: ›Warum haben Sie hier so schreckliches Gelb eingestickt, das passt doch gar nicht‹, erwidern die Frauen, das sei gegen den bösen Blick!« Jemand, der das schöne Kleid bewunderte und dadurch vielleicht einen Sturz oder einen Unfall der Trägerin hätte auslösen können, wurde abgelenkt und sagte sich nur: Was für ein schönes Kleid, aber wie dumm, so ein Gelb einzusticken! »Wenn wir einen so offensichtlichen Fehler in der Stickerei finden«, sagt Widad Kawar, »hat er immer eine Schutzfunktion.«

Nach ihrer Heirat 1956 zog Widad Kawar mit ihrem Mann nach Amman. Der Krieg 1967 und die gewaltsame Landnahme durch Israel bestärkte sie darin, das palästinensische Erbe erhalten zu wollen. »Ich hatte die Lager von 1948 besucht, jetzt fuhr ich in die Lager von 1967, und die Frauen verkauften mehr als 1948. Sie verkauften auf den Straßen, sie verkauften auf dem Markt. Kleider, Schmuck, sie verkauften alles, was sie hatten, selbst die Erbstücke.« Der Verlust ihrer Heimat, von Haus, Grund und Boden, der Verlust von Arbeit und Einkommen und die unsichere Zukunft veränderten das Leben der Palästinenser im Lauf der Jahre.

Und mit dem Leben veränderte sich auch die Stickerei des palästinensischen Kleides. Statt selbstgewebtem und gefärbtem Leinen wurden synthetische Stoffe verwendet. Der Seidenfaden aus Syrien wurde vom industriell hergestellten Baumwollfaden abgelöst, und auch die Muster änderten sich. In den Lagern wurde zwar gestickt, doch das ursprüngliche Bethlehem-Kleid oder das Kleid aus Ramallah gab es nicht mehr, auch wenn die Frauen Besonderheiten ihrer Herkunftsorte in Stichen am Saum oder am Kragen zu bewahren versuchten.

Während der Intifada 1988 gingen auch die Frauen auf die Straße. Und weil ihnen verboten war, palästinensische Fahnen zu tragen, begannen sie palästinensische Symbole auf ihre Kleider zu sticken: den Namen ihres Landes »Palästina«, die Fahne, die Landkarte, die Silhouette der Al Aqsa-Moschee. Zum Bedauern von Widad Kawar überwiegt bei vielen jungen Palästinenserinnen heute das schlichte und schmucklose islamische Kleid. Die jungen Frauen sticken Kissenbezüge und Bettwäsche, Tischdecken und Läufer für ihre Aussteuer, doch eigene Fest- und Hochzeitskleider sticken nur noch wenige. »Vielleicht ist es unser Fehler, vielleicht haben wir auf das Kleid als Teil unseres Erbes nicht genügend Wert gelegt«, sagt sie. Das palästinensische Kleid sei schön und nichts, was man einfach aufgeben könne. »Das schlichte islamische Kleid ist nicht Teil unserer Kultur. Die Kultur unserer Frauen ist, ein schönes, besticktes Kleid zu haben.«

»Ich will zeigen, wie es früher war«

Widad Kawars Sammlung palästinensischer Kleider ging auf Reisen um die Welt. Von Köln über Berlin bis Tokio, von Kopenhagen bis London – unzählige Menschen erfreuten sich an der Farbenpracht und den kunstvollen Stickereien. Um das Wissen über das kulturelle Erbe zu erhalten und um die Sammlung professionell betreuen lassen zu können, hat Widad Kawar mit Hilfe von Spenden in Amman ein Haus gekauft und renoviert. Hier soll die prächtige palästinensische Stickereikunst fachgerecht gelagert und ausgestellt werden und eine dauerhafte Heimat finden. »Ich will zeigen, wie es früher war«, erläutert sie ihr Konzept. »Ich möchte es nicht als ›Museum‹ bezeichnen, sondern eher als Zentrum oder ein Zuhause, ein Zuhause für diese Sammlung.« Ein großer Raum ist als Werkstatt vorgesehen, wo Interessierte die Stickerei selber lernen können.

Um das kostspielige Projekt zu realisieren, hofft Widad Kawar auf Unterstützung von arabischen Staaten, Museen und Stiftungen. »Obwohl es in meinem Herzen ein palästinensisches Zentrum ist, könnten wir es ›Beit al Turath al Arabi‹ nennen, das bedeutet so viel wie »Haus für das arabische Erbe«. Im Arabischen höre es sich schön an, wiederholt Widad Kawar: »Beit – das Haus, ›al Turath‹ – das Erbe und ›al Arabi‹ – Beit al Turath al Arabi.«

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