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Küchengespräche mit dem Bandenchef

In Chemnitz wurde eine Polizistin verurteilt, die Informationen an einen Serieneinbrecher weitergab

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Jahrelang brach in Sachsen ein Holzhändler in Schulen, Kindergärten, Firmen und Einfamilienhäuser ein. Fast unbehelligt, denn der Mann war über eine Polizistin ständig über den Ermittlungsstand der Kripo informiert. Jetzt stand die Beamtin vor Gericht.

»Sie sind eine Schande für die Polizei«, schimpft der Oberstaatsanwalt im Gerichtssaal. Doch die Kriminalbeamtin auf der Anklagebank schweigt, lässt über ihren Strafverteidiger nur eine Erklärung vorlesen. Dabei war Andrea W. – und das ist noch nicht lange her – früher viel gesprächiger. Die Kriminalobermeisterin stand diese Woche wegen Bestechlichkeit und Geheimnisverrats vor dem Amtsgericht Chemnitz. Die 46-Jährige hat einem Einbrecher, der jahrelang im Großraum Chemnitz sein Unwesen trieb, 2008 und 2009 wichtige Polizei-Interna verraten. Konspirative Treffs waren nicht nötig. Der Ganove saß seit 2006 mit ihr regelmäßig am Küchentisch: als Freund ihrer Tochter, der mit in die Wohnung von Andrea W. gezogen war. Da war Holzhändler Marco H. schon seit zwei Jahren dabei, als Kopf einer Bande Schulen, Kindergärten, Firmen und Einfamilienhäuser auszuräumen. Der Wert des Diebesgutes – Laptops, Schmuck, Gold – betrug 350 000 Euro. Erst vor ein paar Wochen wurde der 29-Jährige zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Ein Freibrief

Sie hätte am Anfang, als Marco H. zu ihrer Tochter ins Kinderzimmer zog, nichts von den kriminellen Machenschaften des Jungen gewusst, so der Verteidiger in der Erklärung. Aus einem reinen Mitteilungsbedürfnis heraus sprach sie dann über polizeiliche Ermittlungen, zu denen sie von den Familienangehörigen befragt wurde. Meistens war Marco H. dabei. Später habe sich ein Bauchgefühl entwickelt, und sie habe geahnt, dass mit dem Freund ihrer Tochter etwas nicht stimme. Doch die Mitarbeiterin des Kriminaldauerdienstes sprach weiter ungeniert über den Stand der Ermittlungen zu der Einbruchserie. So darüber, dass keine verwertbaren Spuren an den Tatorten zu finden waren. Für Marco H. war das ein Freibrief zum Weitermachen. Später teilte die Polizistin mit, wann Zeugen in dieser Sache vernommen werden. Sie gab sogar Details zur Observation der Bande bekannt.

Die Sache flog im Frühjahr 2009 auf. Ein Zeuge hatte einen Laptop gekauft, von dem er später erfuhr, dass dieser gestohlen war. In der Folge kam die Polizei auf die Spur von Marco H. – und die von Andrea W. Die Kripo konnte nachprüfen, wann und zu welchem Fall die Beamtin im Computersystem recherchiert hatte, obwohl gar kein Auftrag vorlag. Die Polizistin gestand 16 Fälle von Geheimnisverrat. Den Vorwurf der Bestechlichkeit – sie hatte von Marco H. unter anderem Schmuck bekommen – bestritt sie. In einer Vernehmung hatte Andrea W. nur eingeräumt, die Geschenke dafür erhalten zu haben, weil Marco H. kostenlos unter ihrem Dach leben durfte. Die Staatsanwaltschaft konnte nicht das Gegenteil beweisen.

Tochter vor Gericht

Die Richterin verurteilte die Polizistin zu einem Jahr Gefängnis, das zu zwei Jahren Bewährung ausgesetzt wurde. Andrea W. ist vom Dienst suspendiert. Gegen sie läuft ein Disziplinarverfahren, das ihren Ausschluss aus dem Polizeidienst zum Ziel hat. Demnächst steht ihre Tochter vor Gericht. Sie soll bei zwei Beutezügen des Freundes dabei gewesen sein.

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